In Vaters Garten heimlich steht

Ein Blümchen traurig und bleich;

Der Winter zieht fort, der Frühling weht,

Bleich Blümchen bleibt immer so bleich.

Die bleiche Blume schaut

Wie eine kranke Braut.

 

Zu mir bleich Blümchen leise spricht:

Lieb Brüderchen, pflücke mich!

Zu Blümchen sprech ich: Das tu ich nicht,

Ich pflücke nimmermehr dich;

Ich such mit Müh und Not,

Die Blume purpurrot.

 

Bleich Blümchen spricht: Such hin, such her,

Bis an deinen kühlen Tod,

Du suchst umsonst, findst nimmermehr

Die Blume purpurrot;

Mich aber pflücken tu,

Ich bin so krank wie du.

 

So lispelt bleich Blümchen, und bittet sehr -

Da zag ich, und pflück es schnell.

Und plötzlich blutet mein Herz nicht mehr,

Mein innres Auge wird hell.

In meine wunde Brust

Kommt stille Engellust.


Das Gedicht "Die weisse Blume" stammt von (* 1797-12-13, † 1856-02-17).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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