1.

 

Ich bin′s gewohnt, den Kopf recht hoch zu tragen,

Mein Sinn ist auch ein bißchen starr und zähe;

Wenn selbst der König mir ins Antlitz sähe,

Ich würde nicht die Augen niederschlagen.

 

Doch, liebe Mutter, offen will ich′s sagen:

Wie mächtig auch mein stolzer Mut sich blähe,

In deiner selig süßen, trauten Nähe

Ergreift mich oft ein demutvolles Zagen.

 

Ist es dein Geist, der heimlich mich bezwinget,

Dein hoher Geist, der alles kühn durchdringet,

Und blitzend sich zum Himmelslichte schwinget?

 

Quält mich Erinnerung, daß ich verübet

So manche Tat, die dir das Herz betrübet?

Das schöne Herz, das mich so sehr geliebet?

 

2.

 

Im tollen Wahn hatt ich dich einst verlassen,

Ich wollte gehn die ganze Welt zu Ende,

Und wollte sehn, ob ich die Liebe fände,

Um liebevoll die Liebe zu umfassen.

 

Die Liebe suchte ich auf allen Gassen,

Vor jeder Türe streckt ich aus die Hände,

Und bettelte um g′ringe Liebesspende -

Doch lachend gab man mir nur kaltes Hassen.

 

Und immer irrte ich nach Liebe, immer

Nach Liebe, doch die Liebe fand ich nimmer,

Und kehrte um nach Hause, krank und trübe.

 

Doch da bist du entgegen mir gekommen,

Und ach! was da in deinem Aug′ geschwommen,

Das war die süße, langgesuchte Liebe.


Das Gedicht "An meine Mutter" stammt von   (1797 - 1856).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

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Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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