Am warmen Juniusabend

Wie duftig weht es, wie labend

Von Bohnenblüten und Heu!

Wo durch Kastaniendunkel

Erzittert rothes Gefunkel,

Hier lacht die Jugend und schäkert frei.

 

Vor allen aber ist Hedchen

Ein ausgelaßenes Mädchen

Und sizt auf jeglichem Knie.

Still kömmt die Mutter gegangen:

»Mein Kind, wie glühn Dir die Wangen!

Dich warnt Erfahrung und Alter: flieh!

 

Hast Du gesehn, wie die Taube

Mit grünlich goldner Haube

Dem Täuber bietet den Mund?

Sie gurrt und picket und schnäbelt,

Von Brautentzücken umnebelt -

Was folgt, mein Töchterchen, ist Dir kund.«

 

»O Mutter lächelte Hedchen,

Warum so mürrisch? Ein Mädchen

Muß doch nicht wunderlich sein.

Man will ja gerne gefallen,

Und beßer scherzt man mit allen

Als einem freundlichen Mann allein.«

 

»Behüte, Mädchen, behüte!

Willfährst Du allen mit Güte,

So fängst Du nimmer ein Herz.

Nimm Einen Mann für das Leben;

Ein Schäferstündchen daneben

Vergönnt mit anderen wol den Scherz.«

 

»Bereit nur Mütterchen halte

Den Brautkranz! Otto der alte

Hat Geld und eignen Herd.

Ich meint, ihr nähmet fürs Leben

Den Ehmann euch und daneben

Sei nie ein Stündchen dem Scherz geweiht.«


Das Gedicht "Mutter und Tochter" stammt von   (1744 - 1806).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

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Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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