Gestern, Brüder, könnt ihrs glauben?

Gestern bei dem Saft der Trauben,

(Bildet euch mein Schrecken ein!)

Kam der Tod zu mir herein.

 

Drohend schwang er seine Hippe,

Drohend sprach das Furchtgerippe:

Fort, du teurer Bacchusknecht!

Fort, du hast genug gezecht!

 

Lieber Tod, sprach ich mit Tränen,

Solltest du nach mir dich sehnen?

Sieh, da stehet Wein für dich!

Lieber Tod verschone mich!

 

Lächelnd greift er nach dem Glase;

Lächelnd macht ers auf der Base,

Auf der Pest, Gesundheit leer;

Lächelnd setzt ers wieder her.

 

Fröhlich glaub′ ich mich befreiet,

Als er schnell sein Drohn erneuet.

Narre, für dein Gläschen Wein

Denkst du, spricht er, los zu sein?

 

Tod, bat ich, ich möcht′ auf Erden

Gern ein Mediziner werden.

Laß mich: ich verspreche dir

Meine Kranken halb dafür.

 

Gut, wenn das ist, magst du leben:

Ruft er. Nur sei mir ergeben.

Lebe, bis du satt geküßt,

Und des Trinkens müde bist.

 

O! wie schön klingt dies den Ohren!

Tod, du hast mich neu geboren.

Dieses Glas voll Rebensaft,

Tod, auf gute Brüderschaft!

 

Ewig muß ich also leben,

Ewig! denn, beim Gott der Reben!

Ewig soll mich Lieb′ und Wein,

Ewig Wein und Lieb′ erfreun!


Das Gedicht "Der Tod" stammt von   (1729 - 1781).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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