Träge schwimmt die Straße in den Abend.

Radfahrer klingeln,

Ein Droschkengaul prustet trabend,

Straßenlang übergießen, umzingeln

Lichter die Abendgänger.

Die Straße tönt weicher und bänger.

 

Drüben am Hause klappt ein Postradfahrer

Den Briefkasten zu.

Wirft den Beutel mit Feierabendruh

Auf sein Rad –

 

Mensch! Du! Du!

Du Schicksalsbewahrer!

Du Weltbote der Stadt!

Siehst du nicht wie der Beutel schwillt,

Wie er quillt, wie er quillt?

Ein Brandbrief lodert in ihm auf,

Ein Liebesbrief schreit rot und geil,

Ein Händler ladet ein zum Kauf,

Ein Schuft hält seine Ehfrau feil,

Ein Erpresser der Schwarzhand droht,

Einer schließt ab auf tausend Stück Brot,

Einer knüpft sich um den Hals ein Seil,

Ein Neugeborener kräht und strampelt, krebsrot,

Eine Mutter, eine Mutter ist tot –

Ich kann dies Wirbeln nicht fassen, –

Und Du, du trödelst da so gelassen!

Mensch! du bringst in alle Türen

Freudeschüren

Oder todschweren Sinn!

Um dich herum gärt Geld- und Leiberkampf,

Um dich stürzt alles Schicksal hin!

 

Klingelnd radelt der Bote stadthin,

In dem Straßendampf –


Das Gedicht "Der Briefbeutel" stammt von   (1890 - 1918).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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