In Dir, o Mensch, ist alles:

In Dir ist der Schlaf und das Wache:

In Dir ist die Zeit.

Und ohne Dich ist keine Zeit.

In Dir ist die Zeit

Und die Fülle der Zeit:

Der qualmende Dampfer,

Die rollende Bahn,

Der eiserne Lärm

Und das Schweigen des Domes.

Der Stein und der Mörtel:

Das Haus und die Stadt.

In Dir ist die Fülle

Des zeitlichen Werkes.

 

In Dir, o Mensch, ist alles:

Die mordende Hand

Und das Künstler-Gehirn, -

Das ruchlose, stinkende Wort

Und das schwellende, schwebende Lied.

Die Liebe um Liebe:

Die Liebe der männlichen Stärke

Zu weiblicher Weichheit.

Und trübe verzehrende Liebe

Der Gleichen zu Gleichem.

Ist Beides in Dir:

Der Gott und das Böse.

 

In Dir, o Mensch, ist Alles:

Das trinkende Ohr

Und der Antworten speiende Mund.

Der nehmende Mund

Und der scheidende Darm -

Der bohrende Keim

Und der schwellende Schoß:

Der aufsaugende Anfang,

Das ausbrechende Sein.

Ist Beides in Dir:

Der schäumende Anfang,

Das reifende Ende,

Das Ende,

Das wieder nur Anfang,

Ist Alles, o Alles in Dir!


Das Gedicht "Alles in Dir" stammt von   (1890 - 1918).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





Zur Startseite: Gedichte