Cupido einmal sehr verdrossen,

daß er hat so vil pfeil umsunst

auf meine Myrta los geschossen,

die niemals achtet seiner kunst,

erwählet, ihre zarte schoß

zu wunden, zornig, ein geschoß.

 

Also flog er bald in den garten,

da er dieselb zu sein gedacht,

und nehmend war von fern der zarten,

die ihn in dise welt gebracht,

»wolan, sprach er, nu soll dein blut

recht büßen, Myrta, deinen mut.«

 

Er spannet, unweis, seinen bogen,

und, zilend auf das herz ohn gnad,

schoß er ihn plötzlich los, betrogen,

in seiner mutter brust gerad,

darauf dan ein elender schmerz

vergiftet bald der göttin herz.

 

»Ach weh! was magst du wol gedenken,

sprach sie, undankbar böser knab?

wie kanst so tödlich du bekränken

die, welche dir das leben gab?

und sparest gleichwol deine macht

noch wider die, die dich verlacht.«

 

Die red so sehr das kind erschrecket,

daß es bald seine wängelein

mit heißen zähern überdecket

und schrie: »Ach, liebes mütterlein,

verzeihet mir, dan ich nam euch

für Myrta, deren ihr gar gleich.«


Das Gedicht "Amor betrogen" stammt von   (1584 - 1653).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.



Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





Zur Startseite: Gedichte