Unter dem blühenden Lindenbaum

lag ich im schwellenden Moose,

Erde und Himmel rührten sich kaum,

nur der Kuckuck, der lose,

rief ohne Ruh′,

immerzu,

Erde, o Erde, wie schön bist du!

 

Fiel mir die alte Torheit ein,

die wir so oft getrieben,

rief in den dämmernden Wald hinein:

Darf ich noch leben und lieben?

Kuckuck, sag′ wahr,

wieviele Jahr′ -?

Kuckuck, du loser, verstummst du gar?

 

Erde und Himmel rührten sich kaum,

Kuckuck, was soll dein Schweigen?

Horch, da regt sich′s im Lindenbaum,

Amsel singt aus den Zweigen,

singt ohne Ruh′,

immerzu,

Leben, o Leben, wie kurz bist du!

 

Und ich hatte so seltsamen Traum,

träumte, ich läge im Grunde,

über mir sänge der Vogel im Baum

leise zur Abendstunde.

Sang ohne Ruh′,

immerzu,

Leben, wie schön, wie kurz bist du -!


Das Gedicht "Orakel" stammt von (* 1887-07-06, † 1917-10-16).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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