Um die Sommerszeit sind sie wie andre Menschen

Aus Schwiebus, Reppen oder Bentschen.

 

Zumal in Bädern, in Ostseefrischen

Sitzt man mit ihnen an selben Tischen,

Und sind auch verschieden der Menschheit Lose,

Gleichmacherisch wirkt die Badehose,

Der alte Adam mit seinen Gebrechen

Läßt manches schweigen und manches sprechen.

Am Spill wurde gestern ein Seehund geschossen,

Zu drängen sich alle Strandgenossen;

Man will ein Kinderhospiz errichten,

»Sie könnten einen Prolog uns dichten.«

Allgemeines heitres sich Anbequemen,

Ein Unterschied ist nicht wahrzunehmen.

 

So der Sommer; er hat sein Bestes getan,

Aber nun bricht der Winter an.

 

Beim Botschafter S. ist Gala-Fete,

Dein Spill-Freund ist mit an der Tete,

Noch schützt dich die bergende Fensternische,

Jetzt aber gilt es, jetzt geht es zu Tische,

Du sitzt vis-à-vis ihm, es trifft dich sein Gruß,

Davor dein Herz ersteinen muß.

Es wundert sein Chef sich, sein Kollege,

Die Badebekanntschaft ist plötzlich im Wege,

Von dem, mit dem du den Seehund umstanden,

Von dem »sommerlichen« ist nichts mehr vorhanden,

Statt seiner der »winterliche« ... Du frierst.

Suche, daß du dich rasch verlierst.


Das Gedicht "Der Sommer- und Winter-Geheimrat" stammt von (* 1819-12-30, † 1898-09-20).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





Zur Startseite: Gedichte