Es liegt der Herbst auf allen Wegen,

In hundert Farben prangt sein Kleid,

Wie seine Trauer, seinen Segen

Er um sich streut zu gleicher Zeit.

 

Es rauscht der Fuß im welken Laube,

Was blüht und grünte, ward ein Traum -

Allein am Stocke winkt die Traube

Und goldne Frucht schmückt rings den Baum.

 

So nimmt und gibt mit vollen Händen

Der Herbst, ein Dieb und eine Fee;

Erfüllung kann allein er spenden,

Doch sie umfängt ein tiefes Weh! -

 

O, Herbst der Seele! deine Früchte,

Sind auch Gewinn sie, oder Raub?

Der Wünsche Blüte ist zunichte,

Der Hoffnung Grün ein welkes Laub.

 

Zu schwer erkauft, um zu beglücken,

O, Seelenherbst, ist deine Zier!

Der Saft der Traube kann entzücken,

Doch keine Wonne strömt aus dir.

 

Die Weisheit, wie die Frucht sie nennen,

Sie presst mir bittre Tränen aus,

Und ihres Kernes herbem Brennen

Entkeimet nie ein Frühlingsstrauß!


Das Gedicht "Herbstlied" stammt von (* 1821-06-12, † 1877-11-28).





Ein Gedicht ist eine besondere sprachliche Ausdrucksform, das aus Versen (und Strophen) besteht, die sich i.d.R. reimen.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern verdichten Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





Zur Startseite: Gedichte