Singe, wem Gesang gegeben,

In dem deutschen Dichterwald!

Das ist Freude, das ist Leben,

Wenn′s von allen Zweigen schallt.

 

Nicht an wenig stolze Namen

Ist die Liederkunst gebannt;

Ausgestreut ist der Samen

Über alles deutsche Land.

 

Deines vollen Herzens Triebe,

Gib sie keck im Klange frei!

Säuselnd wandle deine Liebe,

Donnernd uns dein Zorn vorbei!

 

Singst du nicht dein ganzes Leben,

Sing doch in der Jugend Drang!

Nur im Blütemond erheben

Nachtigallen ihren Sang.

 

Kann man′s nicht in Bücher binden,

Was die Stunden dir verleihn:

Gib ein fliegend Blatt den Winden!

Muntre Jugend hascht es ein.

 

Fahret wohl, geheime Kunden,

Nekromantik, Alchimie!

Formeln hält uns nicht gebunden:

Unsre Kunst heißt Poesie.

 

Heilig achten wir die Geister,

Aber Namen sind uns Dunst;

Würdig ehren wir die Meister,

Aber frei ist uns die Kunst!

 

Nicht in kalten Marmorsteinen,

Nicht in Tempeln, dumpf und tot:

In den frischen Eichenhainen

Webt und rauscht der deutsche Gott.


Das Gedicht "Freie Kunst" stammt von (* 1787-04-26, † 1862-11-13).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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