Zu Hirsau in den Trümmern,

Da wiegt ein Ulmenbaum

Frischgrünend seine Krone

Hoch überm Giebelsaum.

 

Er wurzelt tief im Grunde

Vom alten Klosterbau,

Er wölbt sich statt des Daches

Hinaus in Himmelsblau.

 

Weil des Gemäuers Enge

Ihm Luft und Sonne nahm,

So trieb′s ihn hoch und höher,

Bis er zum Lichte kam.

 

Es ragen die vier Wände,

Als ob sie nur bestimmt,

Den kühnen Wuchs zu schirmen,

Der zu den Wolken klimmt.

 

Wenn dort im grünen Tale

Ich einsam mich erging,

Die Ulme war′s, die hehre,

Woran mein Sinnen hing.

 

Wenn in dem dumpfen, stummen

Getrümmer ich gelauscht,

Da hat ihr reger Wipfel

Im Windesflug gerauscht.

 

Ich sah ihn oft erglühen

Im ersten Morgenstrahl;

Ich sah ihn noch erleuchtet,

Wann schattig rings das Tal.

 

Zu Wittenberg im Kloster

Wuchs auch ein solcher Strauß

Und brach mit Riesenästen

Zum Klausendach hinaus.

 

O Strahl des Lichts! du dringest

Hinab in jede Gruft.

O Geist der Welt! du ringest

Hinauf in Licht und Luft.


Das Gedicht "Die Ulme zu Hirsau" stammt von (* 1787-04-26, † 1862-11-13).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





Zur Startseite: Gedichte