Es ging Maria in den Morgen hinein,

Tat die Erd einen lichten Liebesschein,

Und über die fröhlichen, grünen Höhn

Sah sie den bläulichen Himmel stehn.

»Ach, hätt ich ein Brautkleid von Himmelsschein,

Zwei goldene Flüglein - wie flög ich hinein!« -

 

Es ging Maria in stiller Nacht,

Die Erde schlief, der Himmel wacht′,

Und durchs Herze, wie sie ging und sann und dacht,

Zogen die Sterne mit goldener Pracht.

»Ach, hätt ich das Brautkleid von Himmelsschein,

Und goldene Sterne gewoben drein!«

 

Es ging Maria im Garten allein,

Da sangen so lockend bunt Vögelein,

Und Rosen sah sie im Grünen stehn,

Viel rote und weiße so wunderschön.

»Ach hätt ich ein Knäblein, so weiß und rot,

Wie wollt ichs lieb haben bis in den Tod!«

 

Nun ist wohl das Brautkleid gewoben gar,

Und goldene Sterne im dunkelen Haar,

Und im Arme die Jungfrau das Knäblein hält,

Hoch über der dunkelerbrausenden Welt,

Und vom Kindlein gehet ein Glänzen aus,

Das ruft uns nur ewig: nach Haus, nach Haus!


Das Gedicht "Mariä Sehnsucht" stammt von (* 1788-03-10, † 1857-11-26).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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