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Die Bleicherin


Else

Gut geschlafen, Sofie? Ja schummele mit dem Gepäck nur

Ohne zu grüßen vorbei! Das tun nicht artige Jungfraun!

 

Sofie

Hu! ich erschrak! Du dort wie die Frühlingsschlang an dem Dornbusch

Zischest den Wanderer an!

 

Else

Komm, Mädchen; der blühende Schlehdorn

Schattet so lieblich gewölbt, und vor uns plätschert der blaue

Glänzende See. Ich pflückte mir Säuerling hier und Rapunzel,

Jung und zart, in den Korb; denn ich sage dir, Kaiser und König

Lobt den Rapunzelsalat, wenn Öl und Essig nur gut ist.

 

Sofie

Schön zu ruhn, wo Violen und Schlüsselblumen umherblühn!

Schwesterchen, gib mir den Strauß. Ich muß in dem Garten am Krebsbach

Pflanzen und sän. Hier siehst du die sämtliche Gärtnergerätschaft:

Spaten und Schnur mit der Hark und im Saatkorb Erbsen und Mangold,

Bohnen, Karotten, Salat, holländische Winterkartoffeln

Und was mehr; auch Radieschen, die Erstlingsfrüchte des Gartens,

Weiß und rot. Nun, Else, was duckst du denn?

 

Else

Tusch! sie bemerkt uns!

Unsere Bleicherin sang, die schelmische, wieder von Siegmund.

Bald hätt ich′s auswendig gelernt und, gehn wir am Sonntag

Unter die Linden zum Tanz, sie gehöhnt: »Nun, Jüngferchen, weiß ich′s!

Nur nicht rot! Dein Liedchen erbaute mich! Soll ich es singen?« –

Aber sie schwieg, da im Erlengebüsch die Nachtigall anfing.

 

Sofie

Glaube, sie selbst hat das Liedchen gefertigt! Denk an den Glückwunsch,

Der uns neulich im Dorf durch lustige Reime gekitzelt;

Als ihn der Hochzeitbitter, der Bälgentreter und Vieharzt

Türe vor Tür absangen, den heiligen Königen ähnlich,

Prunkend mit Kron und Zepter, dem goldenen; einer wie Mohr auch,

Dem der papierene Stern anbrannt im hastigen Umdrehn.

Nun, wer hätt es geträumt? Den Glückwunsch reimte die Anna!

Sicher auch jetzo das Lied; drum tut sie im Singen so schämig!

 

Else

Komm, wir brauchen Gewalt!

 

Sofie

Ich muß in den Garten.

 

Else

O komm nur!

 

Sofie

Else, du läufst wie ein Wiesel! Ich folge dir kaum mit der Ladung!

 

Else

Holla, du Braut! Gleich singe das artige Stückchen von Siegmund!

 

Anna

Nimmermehr! nicht kenn ich ein artiges Stückchen von Siegmund!

 

Else

Nicht? So werd ich die Wangen, die rot glühn, bleichen mit Wasser.

 

Anna

Dirne, du Unglücksdirne verderbst mir das seidene Halstuch,

Siegmunds wertes Geschenk! O weh! in den Busen hinabläuft′s!

Hu, wie kalt! An dem Rohr, fi! schäme dich! angelt ein Mannsmensch!

 

Sofie

Schmunzelnd gönnt er die Strafe dem eigensinnigen Mägdlein.

Singe denn; oder dich soll! Komm, Schwesterchen, brav sie gekitzelt!

 

Anna

Mord und Gewalt! Schont, Kinder! Ihr sollt ja hören! Geduld nur!

Laßt mich zuvor aufatmen! Wie unanständig man aussieht!

 

Sofie

Schmuck ist alles an Schmucken! auch selbst nachlässiger Anzug.

Laß dein Hütchen nur schief.

 

Else

Kühl weht′s in dem Schatten der Pappel

Unten am Bach, der so klar von der Mühlenschleuse daherrauscht.

Setze dich dort zum Gesang. In der Burg wohnt drüben ein Echo,

Das, wie ein menschlicher Ton, nachsingt aus verödeten Fenstern.

 

Anna

Wasser zuvor mir geholt; denn ihr seht, schon durstet die Leinwand

Unter dem Sonnenstrahl und dem blendenden Frühlingshimmel.

Nimm du die Brause, Sofie; nimm, Else, die Tracht mit den Eimern!

Hurtig zum Bach! Ihr möchtet umsonst wohl hören das Liedlein!

 

Else

Jetzo gerauscht auf die Laken, du Trödlerin, daß wir den Handel

Endigen! Bald ja verwelkt in dem Deckelkorbe das Kraut mir.

 

Sofie

All um die Wette gesprengt! Dann, Trödlerin, rasch zu der Pappel!

Streng ist heute die Luft; und mancherlei hab ich zu ordnen,

Ehe die Sonn aus der Erde den gestrigen Regen heraussaugt.

 

Anna

Ihr nun wählet auf Gras und Butterblumen das Lager

Dort an der Pappel umher; ich setze mich auf den gekrümmten

Weidenstamm. Doch gehorcht, ihr Jüngferchen! Denn der Gesang ist

Nicht vom Riesen und Zwerg und dem Schloß der verwünschten Prinzessin

Oder dem Schäfchen im Walde, womit man Kinder in Schlaf singt.

 

Bleich am warmen Strahl der Sonnen,

Leinwand, die ich selbst gesponnen

Von dem feinsten Knockenflachs.

Dich besprengen Jungfernhände,

Daß dein Glanz die Augen blende,

Weiß wie Schnee und Jungfernwachs.

 

Bald als Laken und als Bühren

Sollst du mir das Brautbett zieren

Unter Main- und Rosenduft:

Denn Johannis hat mein Treuer

Vorbestimmt zur Hochzeitsfeier,

Wenn der Kuckuck nicht mehr ruft.

 

Wer mich freit, ihr lieben Laken?

Siegmund Franke, braun von Backen,

Und so groß, so stark und brav!

Er, der vorigs Jahr zum dritten

Seinen Kranz herabgeritten

Und dies Jahr den Vogel traf!

 

Zwang er nicht vier bärt′ge Werber?

»Nehm Er Handgeld, oder sterb Er!«

Fluchten sie und zogen gar.

Knaps! in Graus lag Kling an Klinge:

All der Hagel! welche Sprünge

Tat mein Leutnant und Husar!

 

Unsers Schulzen zartes Hedchen

Und das staat′sche Kammermädchen

Tun am Kirmes so bequem,

Knicksen, äugeln, Händedrücken,

Um sein Herzchen zu berücken;

Doch es heißt: Mamsellchen, hem!

 

Bin denn ich von schlechterm Blute?

Keiner sagt im ganzen Gute

Hüfner Hanken Böses nach!

Störche wittern Schimpf und Schande;

Und schon seit dem großen Brande

Baut ein Storch auf unserm Dach.

 

Freilich geh ich nie geschnüret,

Noch gepudert und frisieret;

Dennoch laß ich wohl mich sehn:

Wenn ich weißgekleidet tanze,

Flink und rot, und unterm Kranze

Mir die braunen Locken wehn.

 

Da sollt ihr ein Flüstern hören

Durch die Stühl und auf den Chören,

Wann den Kanzelsprung wir tun:

Siegmund, Sohn vom Müller Franke,

Mit der Jungfer Anna Hanke!

Wer was will, der spreche nun!

 

Spielmann, dinge mehr Gesellen,

Daß uns hübsch die Ohren gellen,

Wenn ihr fiedelt, harft und pfeift!

Fangt nur früh an, euch zu üben:

Jeden Abend von Glock sieben,

Bis die Frau zu Bette keift!

 

Schickt euch brav auf Deutsch, Tirolisch,

Englisch, Menuett und Polisch

Und den lieben Frauentanz!

Wenn um mich die Weiber ringen,

O dann laßt die Fiedel klingen!

Dann ade, du Jungfernkranz!

 

Sofie

Schäme dich nicht, mein Mädchen! Du schauest ja so in das Bächlein,

Als ob die Wellen am Stein du zähletest. Else, woher doch

Hat es die Hexe gelernt? Wer sollt es der Träumerin ansehn!

 

Else

Stillere Wasser, Sofie, sind tiefere, heißt es in Wahrheit.

Klar auch blickt sie umher als hellblauäugiges Glückskind.

Unter Sol, dem Planeten, im Maimond kommend, am Sonntag,

Ward sie behender Natur und zu Teufelskünsten geeignet:

Also las in den Sternen Matthias Rohlfs die Bemerkung,

Die mit dem großen Kalender, dem hundertjährigen, einstimmt.

 

Sofie

Nun ist alles erklärt, wie allein ihr glückte der Bleiguß!

Nur unförmige Schlacken, und nichtige, fanden wir andern:

Anna goß in den Sand! Da erschien ganz deutlich ein Mühlrad.

 

Else

Vorige Neujahrsnacht, da es zwölf schlug, wankte sie rücklings,

Eine Deck um den Kopf, hellweiß wie ein Spuk, aus der Haustür;

Sieh, und blank auf dem Giebel im Mondschein flimmte der Brautkranz.

 

Sofie

Künftige Neujahrsnacht, wenn nur nicht säumet der Mühlmann,

Wird ihr blank von dem Giebel die Wieg herglänzen im Mondschein,

Sanft vom Winde bewegt, im Gelull kaum hörbares Klanges.

 

Else

Wird denn das Los, Brautjungfer zu sein der verständigen Anna,

Uns zu Johannis beschert? Wir verstehn dir zu schelten den Kuckuck!

 

Anna

Weil ihr Gesänge versteht und Schwank mit ehrbarem Antlitz,

Darum sollt ihr geputzt, Brautjüngferchen, neben mir prangen,

Einst auch Gevatter mir stehn, wenn die lullende Wiege nur wahrsagt.



(* 20.02.1751, † 29.03.1826)




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