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Der Abendschmaus


Pächter

Führe den Schecken zu Stall, Hans Jürgen, und futtr’ ihn mit Haber;

Laß ihn aber, beileib! abkühlen, eh du ihn tränkest.

 

Frau

Liebes Männchen, wo bleibst du so lang? Ich harre so sehnlich

Unter dem grünen Dach der Kastanie! Küsse mich, Lieber!

Wie der Junge nach dir die Hände streckt, und dich anlacht!

Nimm ihn! Ich säugt’ ihn eben, und sieh, wie der Schelm mich benetzt hat!

 

Pächter

Fritz, ich kriege dich, piek! Rotbackichter Bube, versteckst dich?

Komm! Ich gebe dir auch was Schönes! Höre, wie niedlich

Dieses Leierchen klimpert, und oben tanzen die Lämmlein.

 

Frau

Fritzchen, bedanke dich hübsch, und streichel ihn: Eia, Papachen!

 

Pächter

Laß uns hineingehn, Frau; ich brenne vor Hitze. Der Himmel

Geb’ uns die Nacht ein Gewitter, das liebe Korn zu erfrischen!

Linsen und Wicken stehn wie versengt. Doch mutig! mein Soldan

Fraß auf dem Wege Gras, auch schöpft die Sonne sich Wasser.

 

Frau

Hier ist die Mütze, mein Lieber, und dein alltäglicher Schlafrock;

Gestern wusch ich ihn rein, und flickte das Loch auf dem Ärmel.

Ilsabe, bringe den Stiefelknecht und die gelben Pantoffeln

Für den Herrn, auch den Meerschaumkopf und die bleierne Dose.

So, nun setze dich hier in den Lehnstuhl nieder, und schmauche

Ehrbar dein Pfeifchen Tobak, und erzähle mir etwas von Hamburg.

Ich will Fritzen indes einwindeln, er reibt sich die Augen.

 

Pächter

Ilsabe, Buttermilch! Du hast doch heute gebuttert?

Nun, mein liebes Dortchen, die Pferde sind glücklich verhandelt.

Isabelle bezahlt Herr Dolling mit achtzig Dukaten;

Und den Apfelschimmel und Schweißfuchs, jeden mit funfzig.

Lange prüft’ er sie erst, dann schrie er, die Hände mir schüttelnd:

»Herr, das sind mir einmal Reitpferde, wie ich sie wünsche!

Solche Klepper, mit edlem Pirmonterwasser vereinbart,

Und ein bißchen Diät, versteht sich! müssen unfehlbar

Mich und mein kränkelndes Weibchen vom Hypochonder befreien!

Bleiben Sie doch heut abend; ich hab eine kleine Gesellschaft

Guter Freunde bei mir. Wir trinken alle den Brunnen,

Draußen auf unsern Gärten; doch heute, sehn Sie, ist Posttag.

Nur auf ein Butterbrot, Herr Pächter, und ein Gerichtlein

Gernegesehn! Ich bin so ein Freund von der ländlichen Mahlzeit!«

 

Ich erwiderte drauf mit weitausscharrendem Bückling:

»Wenn Sie befehlen, mein Herr; ich bin Ihr gehorsamer Diener.«

 

Hierauf ging ich zu Haus, und ließ die Haare mir kräuseln,

Putzte mit Wachs die Stiefeln, und rieb die silbernen Spornen,

Und ging endlich um acht zu Dollings Brunnengesellschaft.

 

Zwölf dickbäuchichte Herren und zwölf breithüftige Damen

Saßen, wie angenagelt, mit gierigen Augen am Spieltisch.

Als sie nach drittehalb Stunden die hohen Bete getilget,

Hieß mich der Wirt willkommen, und nötigt’ uns alle zur Tafel.

Paarweis rauschten sie hin, und stellten sich rings um die Tafel,

Falteten blitzende Händ’, und beteten, oder besahn sich,

Setzten dann, bückend und knicksend, in bunter Reihe sich nieder.

 

Längst der beladenen Tafel, von zwölf Wachskerzen erleuchtet,

Einer kristallenen Kron, und zwanzig spiegelnden Blakern,

Prangte das Wundergebäu des Zuckerbäckers, ein Aufsatz.

Wände von weißem Tragant, mit Spiegelsäulen gestützet,

Liefen an jeglicher Seit, und trugen grünende Reben

Von gesponnenem Glase, mit bräunlichen Trauben behangen;

Porzellanene Winzer mit Hippen schienen beschäftigt:

Einer gab von der Leiter die abgeschnittene Traube

Seiner Winzerin hin, die schmeichelnd ihr Körbchen emporhielt;

Mühsam trugen andre die Last zur schäumenden Kelter.

Oben stand in Gebüsch die alabasterne Trümmer

Einer gotischen Burg; inwendig, vom Flieder beschattet,

Schlief die zuckerne Hirtin auf Blumen; am spiegelnden Bache

Hütete Phylax die Ziegen und seidenflockigen Schäfchen;

Naschend kletterte fern am Traubengeländer ein Böcklein;

Aber die Winzerin faßt’ ihm den Bart, und schlug ihn mit Ranken.

Unten schimmert’ als See ein Spiegel, mit Binsen umkleistert

Und braunkolbigem Rohr; am Angeldrahte des Fischers

Zappelt’ ein perlemutterner Barsch, und rings um die Hütte

Trockneten Reusen und Netze; die Fischerin unter der Pappel

Reichte dem nackten Kind ein Muschelgehäuse zum Spielen.

Mitten blühte der Garten voll künstlichgezeichneter Beete;

Rechts war die Geisblattlaub, und links ein japanisches Lusthaus;

Bäume standen umher voll Kirschen, Äpfel und Birnen,

Aus kandiertem Anis; ein porzellanener Walfisch

Schnob den kristallenen Spring, der bogenweis in des Beckens

Spiegel sich goß, und gefärbter Sand bedeckte die Gänge.

 

Sechs Gerichte standen an jeglichem Ende der Tafel

Zierlich gestellt, die kalt, und jene brätelnd auf heißen

Silbergefaßten Scheiben von Marmor; neben dem Aufsatz

Standen französische Frücht’ und Salate, Trabanten des Bratens.

Schweigend atmeten wir; da neigte Madam sich, und sagte:

 

»Meine Herren und Damen, Sie sehn hier alles mit einmal.

Nehmen Sie gütig vorlieb mit meiner geringen Bewirtung.«

 

Sprach’s, und zerschnitt den Fasan, mit indischen Vogelnestern,

Wie man erzählte, gewürzt und Azia. Hurtig verteilte

Diesen ein bunter Lakai rangmäßig den Damen und Herren.

Und ein anderer fragte, wer Pontak, sechziger Rheinwein,

Oder Burgunder beföhle, und brachte jedem sein Fläschchen.

Jetzo gab ein Lakai uns reine Teller, und reichte

Junge Kalkuten herum, mit scharfem batavischem Soja.

Hierauf reichte dieser die weingesottenen Schmerlen;

Jener den Kabliau, mit Austerbrühe bereitet.

Aber eine Mamsell, die keuchend den Fächer bewegte,

Traf dem Lakai mit der Feder des babilonischen Haarturms

Grad in das Aug, und ach! die Austern umschwammen ihr seidnes

Feuerfarbenes Kleid. Da entstand ein gewaltiger Aufruhr!

Doch bald stillte diesen ein fett Spanferkel in Gallert.

Froher beäugelt selbst kein Naturaliensammler

Durch die Brille den Wurm im künstlichgeschliffenen Bernstein,

Als wir Gäste das Ferkel im helldurchsichtigen Gallert.

 

Drauf hob ächzend der Diener ein rundes Gebäude vor Dolling,

Hohl wie ein Kirchturmknopf, es hieß Rebhühnerpastete.

Dolling versicherte hoch, sie sei vom berühmtesten Koche

Aus Bordeaux, und gestern mit Schiffer Markus gekommen.

Lüstern umschnüffelten oft die Matrosen des Schiffers Kajüte,

Aßen dann traurig ihr Pökelfleisch. Der schlafende Junge

Träumte von Ceilons Gerüchen, und schrie, als säß er im Mastkorb:

Land! Auch rochen Delphine mit offenem Maul aus dem Wasser,

Und der getäuschte Pilot weissagte von nahen Gewittern.

Solch ein balsamischer Duft durchdrang die bräunliche Rinde!

Dolling löste behende den Deckel, schöpfte das Fett ab,

Und verteilte lächelnd die köstlichen Eingeweide.

 

Gierig besah sie der Arzt in dicker Wolkenperücke,

Der sich hinter dem Tuch zahnstocherte, schmeckte mit Anstand,

Und nun mummelt’ er dumpf aus vollen käuenden Backen:

 

»Meine Herren und Damen, das nenn ich vortreffliche Mischung!

Welch ein Geschmack in dem Fleische, den Nägelein, Schwämmen und Trüffeln,

Pfeffer, Oliven, Muskat, Pistazien, Morcheln und Knoblauch!

Freilich erhitzt das Gewürz die jungen Weiber ein wenig;

Aber der Herr Gemahl geb ihnen Salpeter und Weinstein.«

 

Also sprach er, da scholl ein überlautes Gelächter.

Hierauf kam das Gemüs: als Bohnen, junge Karotten,

Erbsen und Blumenkohl mit Artischocken und Krebsen;

Frische Heringe, Lachs und Hummer begleiteten diese.

Hierauf gingen die Rund’ ein braun und ein weißes Gemengsel:

Rüssel und Ohren vom Schwein, Hahnkämme, Zungen von Lämmern,

Kälberbrissel und Ochsengaum, mit Pingeln und Kappern.

Hierauf kam der Rücken des Rehbocks, welchen ein Förster

Vom Blocksberge gesandt. Ein erzgebürgischer Berghahn

Ging dann herum, als Führer des Ortolanengeschwaders;

Sein rotkammiger Kopf lag abgeschnitten am Rande.

Auch die Trabanten rückten heran: Tolläpfel, Oliven,

Weißlicher Kopfsalat, Endivien, Beete, Sardellen,

Überzuckertes Obst, und Gurken mit barschem Orego.

 

Jetzo verschob der Arzt die hitzende Wolkenperücke,

Trocknete Finger und Maul, und tiefaufatmend begann er:

 

»Wahrlich! man kann doch viel der Gottesgaben genießen,

Wenn man sich Zeit läßt! Phh! Ich muß die Weste mir lösen!

Nun es lebe der Herr Wohltäter und seine Gemahlin!«

 

Also sprach er, da klangen die vollen Gläser zusammen.

Aber höre, da kommen die Kühe schon von der Weide.

Drum verspar ich dir die Beschreibung vom prächtigen Nachtisch:

Von den Torten, Makronen, von Quittenschnee und Meringeln;

Und von dem Himbeereise, woran mir Stümper die Zunge

Fast verfror; von den Pfirschen und Aprikosen aus Potsdam;

Von den Granaten, Melonen, des Ananas beißender Süße,

Und den levantischen Mandeln und zyprischen Traubenrosinen;

Auch von vergoldeten Gläsern mit alten bärtigen Köpfen;

Und von rotem Champagner, auf Sillerys Gute gekeltert,

Kaiserlichem Tokaier, und überköstlichem Kapwein;

Auch wie zuletzt die beiden Lakain an der Türe das Trinkgeld

Bettelten. Aber ich muß im Hof ein wenig herumgehn.

Singe den Kleinen in Schlaf, und dann laß Ilsabe wiegen,

Und bestelle für uns das Abendbrot in die Laube.

 

Frau

Nimm denn auch gütig vorlieb mit meiner geringen Bewirtung!

Zuckererbsen in Schoten und zwei gebratene Küchlein

Bring ich nur, und schickst du dich gut, Erdbeeren zum Nachtisch.

Auch will ich Tafelmusik bei den Grillen und Fröschen bestellen,

Und bei dem Rosengebüsch und den Nachtviolen Gerüche.

 

Pächter

Schön, mein Liebchen! Und dann, statt Kronenleuchter und Blaker,

Strahle der Abendstern und die wetterleuchtende Wolke.



(* 20.02.1751, † 29.03.1826)




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