Nach oben

Das Ständchen


Wenzel von Schmurlach, Herr auf Schmurlachsbüttel und Hunzau,

War als Junker verliebt und ein Freund landhöfischer Schalkheit.

Ihr auch, die eben erwuchs, der sittigen Tochter des Försters,

Welcher mit ihr und den Söhnen, ein Graun dem nächtlichen Wilddieb,

Einsam wohnt′ im Gehölz, liebkoset′ er; aber vergebens.

Einst, als Vater und Söhn am gefrorenen Teiche dem Otter

Nachts bei der Mühlenschleus auflauerten, schlich mein Junker

Leis in den Wald und klagte, gelehnt auf die Flinte, sein Herzweh:

»Wachst du noch oben, mein Kind, bei der Lamp im traulichen Stüblein,

Dir ein bräutliches Hemd zu beschleunigen oder den Zwickel

Am baumwollenen Strumpf und brummst, oft seufzend, ein Leibstück

Jenes mich quälenden Tags, da dich andere schwangen im Reihntanz?

Nickst du bei heiserem Grillengezirp am schläfrigen Feuer,

Halb entkleidet, und lallst, im ängstlichen Traume dich sträubend,

Was du so hold aussprichst, dein Wort: Pfui, häßlicher Junker?

Oder, wofern dich das Sausen vertrieb und ein polternder Kobold,

Lauschest du bang im Bettchen, und hebt dein Busen die Decke?

Nicht ein Gespenst, nein, Trautchen, ich bin dein häßlicher Junker,

Der dich vor häßlichem Spuk zu verteidigen, Schönste, daherkommt!

Riegele hurtig mir auf! Hoch über die sausenden Wipfel

Sprengt die wütende Jagd im Gewölk und durchfeget den Nordsturm,

Daß von Giebel und Baum mich gewirbelte Flocken umstöbern.

Selbst ja entschwebt unruhig dem Irrwischmoore der kopflos

Wankende Wicht mit Gekreisch, den ein Mönch hinbannte vom Richtplatz.

Kalt durchläuft mich das Graun, es starret der Hauch in den Nüstern.

O du, weiß wie Kaninchen, geschlank wie ein englisches Windspiel,

Aber auch scheu wie ein Wiesel und wild wie die Katze des Waldes!

Scheint dein Wenzelchen dir so unholdselig im Äußern?

Zwar von der Amme hink ich ein wenig; aber ich hinke

Anmutsvoll! wie du selbst voll Anmut lispeltest, Mägdlein,

Als du die Walderdbeeren gebracht und die blanken Dukaten,

Die ich für Schillinge gab, mit züchtiger Röte zurückschobst.

Mich hat tanzen gelehrt der Student, daß hold in der Schönheit

Wellenschwunge der Gang hinschlängelte! Aber ich weiß wohl,

Daß du zugleich im Herzen den doppelten Höcker mir tadelst,

Welcher an Brust und Schulter hervorschwillt. Mädchen, den Auswuchs

Drängender Kraft mißkennst du und schenkst, o du alberne Törin,

Schwankenden Erlen die Wahl vor des Eichbaums knotigem Kernholz?

Sähest du manch weltkluges und nicht anekelndes Fräulein,

Wie es mit Augen und Mund mich verschlingt an meinem Geburtstag,

Mich in funkelnder West und dem Rock von feurigem Scharlach,

Bläulich gepudert das Haar, mit dick nachschwebendem Haarzopf!

Holder von Schmink und Gestein liebäugelt es, wedelnd den Fächer,

So wie ein Möpschen den Schwanz, wann Mandeltorte gezeigt wird,

Und wenn ich Spaß anhebe, da sinkt man zurück in den Sessel,

Kreischet betränt und rüttelt den winzigen Busen sich schalkhaft

Lachend hervor und nennt mich den Ausbund drolliger Purzel.

Jammer! ich war, einst war ich der Ausbund drolliger Purzel!

Kein Liebäugeln behagt, kein schalkhaft Lachen des Fräuleins!

Selbst auch der Hunde Gebell, selbst wähliger Hengste Gewieher

Ist mir verhaßt! Ab sterb ich der Welt wie die alte Französin!

Dir nur leb ich annoch, mein einziges Herzensfräulein!

Lächle du mir Trost und Heiterkeit! Vater und Brüder

Lauren dem Otter ja auf wie ich dir! Ein Mäulchen, nur eines!

Wein und Zitronen und Rak in der Weidtasch hab ich und Zucker,

Daß du mit wärmendem Punsch den erfrorenen Alten erquickest.

Auch ein seidenes Tuch von grüngerändetem Lila

Nimm zum Geschenk, daß nicht du den zärtlichen Busen erkältest,

Der mit blendendem Glanz vorwallt an dem Rande des Leibchens.

Werde doch Jungfer bei meiner Mama! Dich liebt sie besonders,

Dich vor den Mädchen des Dorfes und der Stadt feinhändigen Jungfraun:

Weil wie die Rose du blühst und schlank wie die Binse dich hebest;

Und, auch die Woche hindurch, dich säuberlich stets und gefällig

Ausschmückst; und, im Vertraun, weil Wenzelchen immer dich lobet.

Unseren Herrn Bauchpfaffen mit kupfriger Nase, den läuten

Bald die Pokale zu Grab; er zecht mit meinem Papa jetzt.

Siehe, der wackre Student, der mich bildete, nimmt zur Belohnung

Dann die ergiebige Pfarr in deiner Schürze, du Jungfrau.

Dann als Frau Pastorin bewohnst du das niedliche Pfarrhaus,

Welches ich modisch geziert; fünfhundert Taler des Jahres

Hebst du, dazu noch Opfer und Sündengeld aus dem Beichtstuhl

Und was sonst in die Küche dir läuft: Maibutter und Honig,

Ferkelchen, Aal und Kapaun, Knackwurst und geräucherte Zungen;

Daß nicht mürrisch der Mann abkanzele, wenn sie am Sonntag

Kegelten, Korn einfuhren und Heu, mit Gesange den Brautflachs

Gäteten und sich im Grünen ein Tanz um den Fiedeler anhub;

Oder zu früh nach der Trauung der Storch sein Püppchen im Schnabel

Brachte, der alberne Storch, der oft auch ein Jüngferchen heimsucht.

Zeige das Antlitz mir, Holdselige, nur aus dem Fenster!

Nur ein freundliches Wörtchen erwidere, nur ein vertraulich:

Gute Nacht! O ich sterb in der Lieb auf schauderndem Fieber!

Höre doch, Kind, wie der Atem mir bebt, wie die Zähne mir klappern!

Und (o wer weiß, was ich tue?) mein Rohr ist geladen mit Kugeln!

Gräßlich, o Kind, wenn Nacht vor Nacht, bei der Hunde Gewinsel,

Sich dein Wenzel wie Rauch aus der Erd aufwühlet und wehklagt;

Plötzlich ein Knall dich betäubt, und ein puckligtes Totengeripp nun

Hoch in das Fenster dir grinst mit flammenäugigem Schädel!

Wär ich der Uhu doch, der jammernde dort in des Eichbaums

Olmigem Stamm! Auf flög ich, zerpickte das Glas mit dem Schnabel,

Ach! und umflügelte dich und böte mich dir zum Erdrosseln;

Fänd ich sodann Mitleid, o ich finge dir Ratten und Mäuse!

Kichere nur und lache, du Lacheltäubchen! mir selbst ist

Weinerlich! Glut von innen und Frost von außen verzehrt mich!

Ganz unerträglicher Frost! O ich taumele! Laß mich am Feuer

Wenigstens wärmen die Hand! Ich paßte dem listigen Fuchs auf,

Welcher die Hühnchen dir raubt, die getöppelten; aber die Finger

Starreten mir wie die Zacken am Dach, daß ich selber den Hahn nicht

Aufziehn könnt, und der Schelm mit fegendem Schwanze mir durchging.

Laß mich nur eine Minute bei dir auftauen, mein Engel,

Und mir die Pfeif anzünden, die wärmende! Stracks will ich weiter-

Gehn in den schrecklichen Sturm, da dir mein Leben verhaßt ist!

Könnt ich die Geig hier stimmen vor Frost und schwiege der Nordwind,

Der mein zärtlich Geseufz wegbrüllt! so säng ich das Liedlein

Dir mit gebrochenem Laute der unaussprechlichen Inbrunst,

Das mein guter Student mir fertigte, stark und natürlich!

Bald dann würde dir weich, hartherzige Dirne, der Starrsinn!

Frisch den Versuch! Sonst schlag ich mit donnernder Kolbe die Tür ein.

 

Schönstes Wildpret dieser Fluren,

Fällt dich niemals Schuß und Netz?

Keuchend folg ich deinen Spuren

Mit Hallo und mit Gehetz.

Laut wie Flintenschüsse knallen

Seufzer, die mein Busen löst.

Hasen, Fuchs und Schweine fallen:

Du, nur du bist kugelfest.

 

Bello, was heulest du? Kusch! Kann die Petz Ef-moll nicht vertragen?

 

Deiner Augensonnen Wälzen

Brennt mich an, von Kopf zu Zeh;

Doch kann meine Brunst nicht schmelzen

Deines Busens Alpenschnee.

Ach! mein Herz, so heiß wie Feuer,

Nimm es, holde Jägerin;

Und versuch, ob ich nicht treuer

Als der treuste Pudel bin!

 

Bestie, schweig! dir schieß ich den jauelnden Rachen voll Kugeln!

 

Fodre Kleines, fodre Großes;

Du empfängst es Knall und Fall!

Wohn in stolzer Pracht des Schlosses

Und verlaß den Hundestall!

Kind, bedenk die Augenweide

Unsrer Bäll und Assembleen;

In Geschmeide, Gold und Seide

Vor dem Spiegel dich zu drehn!

 

Steht noch immer die Mucke nicht ganz? Ich rate dir ernstlich!

Kind, bedenk ...«

 

Hier sah er gemach aufgehen das Fenster.

Feuriger klopfte das Herz dem Erwartenden, was ihm die Jungfrau

So vorsichtig und blöd ankündigte. Doch unerwartet

Plätscherte nieder ein Guß aus überströmendem Eimer.

Triefend enthumpelt der Junker und murrt durch Tal und Gehölz fort,

Ärgerlich, wie mit Gemurr fortrennt ein prustender Kater,

Traf ihn für nächtliches Mauen ein Wurf von der Zofe Pantoffel.



(* 20.02.1751, † 29.03.1826)




Bewertung:
0/5 bei 0 Stimmen

Kommentare

Mit dem Eintragen Ihres Kommentars erklären Sie sich mit der Speicherung und Verarbeitung Ihrer angegebenen Daten gemäß unserer Datenschutzerklärung einverstanden.
  • Noch kein Kommentar vorhanden!