Noch einmal glänzt wie Goldgeschmeide

die Flut des Stromes leuchtend auf,

da steigt in leichtem Nebelkleide

der Sommerabend still herauf.

Und wie er durch die Gassen schreitet,

aufatmend jede Brust sich weitet.

Es ist, als klan′ ein Friedeswort,

und Lärm und Unrast fliehen fort.

 

Da kommt′s aus Tür und Tor gesprungen

und ordnet sich in langer Reih,

ein Zug von Mädchen und von Jungen,

ein Käsehoch ist auch dabei.

Wie sie die Köpfchen drehn und wenden,

die Stocklaterne hoch in Händen!

Dann zieht′s mit feierlichem Sang

die Straße langsam stolz entlang:

 

"Laterne Laterne

Sonne, Mond und Sterne!

Meine Laterne brennt so schön!

Morgen wollen wir wieder gehn."

 

Die Sonne, tief schon in den Fluten,

Hort lächelnd noch der Kinder Reih′n;

"Sie kommen schon, ich muß mich sputen",

und zieht die letzten Strahlen ein.

Der Mond springt hinter Wolkenhaufen:

"Ich will doch heimlich mit euch laufen."

Ein Stern nur blinzel ohne Ruh,

dann hält er sich die Augen zu.

 

"Laterne! Laterne!

Sonne, Mond und Sterne!

Meine Laterne brennt so schön!

Morgen wollen wir wieder gehn."

 

Ich schau vom Straßentor alleine

dem Zuge nach mit trübem Sinn,

mir ist′s, als zög in hellem Scheine

dort meine eigne Kindheit hin.

Und mit ihr Traum und Frieden gehen.

Des Lebens goldne Fäden wehen

leuchtend weiter in schnellem Flug;

mein Kind, mein Kind singt mit im Zug:

 

"Laterne! Laterne!

Sonne, Mond und Sterne!

Meine Laterne brennt so schön!

Morgen wollen wir wieder gehn."


Das Gedicht "Laterne! Laterne!" stammt von   (1856 - 1929).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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