Augen, meine lieben Fensterlein,

Gebt mir schon so lange holden Schein,

Lasset freundlich Bild um Bild herein:

Einmal werdet ihr verdunkelt sein!

 

Fallen einst die müden Lider zu,

Löscht ihr aus, dann hat die Seele Ruh;

Tastend streift sie ab die Wanderschuh′,

Legt sich auch in ihre finstre Truh.

 

Noch zwei Fünklein sieht sie glimmend stehn,

Wie zwei Sternlein innerlich zu sehn,

Bis sie schwanken und dann auch vergehn,

Wie von eines Falters Flügelwehn.

 

Doch noch wandl′ ich auf dem Abendfeld,

Nur dem sinkenden Gestirn gesellt;

Trinkt, o Augen, was die Wimper hält,

Von dem goldnen Überfluß der Welt!


Das Gedicht "Abendlied" stammt von (* 1819-07-19, † 1890-07-15).





Ein Gedicht ist eine besondere sprachliche Ausdrucksform, das aus Versen (und Strophen) besteht, die sich i.d.R. reimen.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern verdichten Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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