Else Lasker-Schüler in Verehrung

 

 

1

 

Mond, als träte ein Totes

Aus blauer Höhle,

Und es fallen der Bluten

Viele über den Felsenpfad.

Silbern weint ein Krankes

Am Abendweiher,

Auf schwarzem Kahn

Hinüberstarben Liebende.

 

Oder es läuten die Schritte

Elis′ durch den Hain

Den hyazinthenen

Wieder verhallend unter Eichen.

O des Knaben Gestalt

Geformt aus kristallenen Tränen,

Nächtigen Schatten.

Zackige Blitze erhellen die Schläfe

Die immerkühle,

Wenn am grünenden Hügel

Frühlingsgewitter ertönt.

 

 

2

 

So leise sind die grünen Wälder

Unsrer Heimat,

Die kristallene Woge

Hinsterbend an verfallner Mauer

Und wir haben im Schlaf geweint;

Wandern mit zögernden Schritten

An der dornigen Hecke hin Singende

im Abendsommer, In heiliger Ruh

Des fern verstrahlenden Weinbergs;

Schatten nun im kühlen Schoß

Der Nacht, trauernde Adler.

So leise schließt ein mondener Strahl

Die purpurnen Male der Schwermut.

 

 

3

 

Ihr großen Städte

Steinern aufgebaut

In der Ebene! So sprachlos folgt

Der Heimatlose

Mit dunbler Stirne dem Wind,

Kahlen Bäumen am Hügel.

Ihr weithin dämmernden Ströme!

Gewaltig ängstet

Schaurige Abendröte

Im Sturmgewölk.

Ihr sterbenden Völker!

Bleiche Woge

Zerschellend am Strande der Nacht,

Fallende Sterne.


Das Gedicht "Abendland" stammt von (* 1887-02-03, † 1914-11-03).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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