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Daphnis


An einem Hügel voller Linden

Saß Amarill, und war bemüht,

Aus Blumen einen Kranz zu winden,

Und sang ein angenehmes Lied.

Sie, die so manches Herz gerühret,

Sie, vieler Seufzer einz′ges Ziel,

Ward hier vom Daphnis ausgespüret,

Der ihr vor allen wohlgefiel.

 

Wie manches kam ihm jetzt zu statten!

Die Lockung stiller Abendzeit,

Ein sichrer und verschwiegner Schatten,

Der Mai, ein Freund der Zärtlichkeit,

Ihr Mund und Auge reich an Freuden,

Ihr ihm schon oft verrathner Sinn;

Allein, der Schäfer war bescheiden,

Und ging nicht bis zur Schäferin.

 

Sie hatte das Geräusch vernommen,

Und ihren Hirten bald entdeckt.

Sie lacht′, und hieß ihn näher kommen,

Und sprach: Was hast du dich versteckt?

Hältst du aus Schalkheit dich verborgen?

Muß ich vor dir von hinnen fliehn?

Du schweigest? Ich will nichts besorgen;

Dich macht die Liebe nicht zu kühn.

 

Du lernst die Furcht von deinen Schafen:

Doch hast du hier zu ruhen Lust,

So darfst du unbekümmert schlafen

In meinem Arm, an dieser Brust.

Es wird dir Morpheus Träume senden,

Die Scherz und Jugend fröhlich macht.

Ich aber will den Kranz vollenden,

Denn der war dir schon zugedacht.

 

Er dankt, gehorcht, und legt sich nieder,

Ihn streichelt ihre sanfte Hand:

Er streckt sich aus, und danket wieder:

Der Hirtenstab fällt in den Sand.

Nachdem er sich an sie gelehnet,

Und, sonder Ungemach und Pein,

Dreimal geseufzt, dreimal gegähnet,

Schläft Daphnis endlich schnarchend ein.

 

Sie rafft sich auf, um wegzugehen,

Nur sagt sie dieses noch zuletzt:

Die Zucht, die ich an dir gesehen,

Wird billig von mir hochgeschätzt.

Man muß der Tugend Lob ertheilen:

Wer schläft so schön, so ehrfurchtvoll?

Ich muß zu meinen Heerden eilen;

Sittsamer Schäfer, schlafe wohl!



(* 23.04.1708, † 28.10.1754)




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