Die Krähen schrein

Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:

Bald wird es schnein. -

Wohl dem, der jetzt noch Heimat hat!

 

Nun stehst du starr,

Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!

Was bist Du Narr

Vor Winters in die Welt entflohn?

 

Die Welt - ein Tor

Zu tausend Wüsten stumm und kalt!

Wer das verlor,

Was du verlorst, macht nirgends halt.

 

Nun stehst du bleich,

Zur Winter-Wanderschaft verflucht,

Dem Rauche gleich,

Der stets nach kältern Himmeln sucht.

 

Flieg, Vogel, schnarr

Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! -

Versteck, du Narr,

Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

 

Die Krähen schrein

Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:

Bald wird es schnein. -

Weh dem, der keine Heimat hat.

 

Zweiter Teil: Antwort:

 

Daß Gott erbarm’!

Der meint, ich sehnte mich zurück

In’s deutsche Warm.

In’s dumpfe deutsche Stuben-Glück!

 

Mein Freund, was hier

Mich hemmt und hält, ist dein Verstand,

Mitleid mit dir!

Mitleid mit deutschem Quer-Verstand!


Das Gedicht "Vereinsamt" stammt von   (1844 - 1900).


Anmerkung

Alternativer Titel: Die Krähen schrei'n / Der Freigeist / Abschied / Heimweh / Aus der Wüste

Zusammenfassung / Inhalt

Das Gedicht „Vereinsamt“ beschreibt die schmerzhafte, aber notwendige Entfremdung des Menschen von der Gesellschaft. Das lyrische Ich hat sich von alten Werten und der Heimat gelöst, steht nun isoliert in einer kalten Winterwelt und leidet unter dem Verlust von Halt und Zugehörigkeit.
Der einsame, zur Winter-Wanderschaft Verfluchte erinnert an den Wanderer aus Franz Schuberts Winterreise, der seine Fremdheit schließlich zu akzeptieren scheint.

Analyse

Das Gedicht "Vereinsamt" (1884; Epoche der Moderne) besteht aus 6 + 2 Strophen mit jeweils 4 Versen. Das Versmaß ist ein Jambus (zweihebig in Vers 1 und 3 sowie vierhebig in Vers 2 und 4). Die Kadenzen sind alle männlich. Das Reimschema ist ein Kreuzreim [abab].

Hintergrund

Friedrich Nietzsche veröffentlichte den ersten Teil seines berühmten Gedichts unter dem Titel "Der Freigeist" in der Zeitschrift "Das Magazin für Literatur" im Jahr 1884 - also 6 Jahre vor seinem Tod. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete er an dem vierten Teil der philosophischen Dichtung "Also sprach Zarathustra".
Der zweite Teil wurde nach der Aufarbeitung seiner handschriftlichen Notizen (ab Mitte des 20. Jahrhunderts) hinzugefügt.

Nietzsche schreibt: "Die Moral ist durch die Freigeisterei auf ihre Spitze getrieben und überwunden." (aus dem Nachlass)
Er beschreibt damit den Gedanken, dass die traditionelle Moral durch radikales, freies Denken (die Freigeisterei) bis an ihre äußersten Grenzen geführt, dort untragbar oder unglaubwürdig wird und sich dadurch selbst aufhebt.
Er versteht die Moral jedoch auch als einen fortlaufenden, sich wandelnden Prozess. Nach der radikalen Kritik an überkommenen, lebensfeindlichen Wertsystemen begreift er eine gewandelte, vom Lebenswillen befreite Haltung als Redlichkeit, Tapferkeit, Gerechtigkeit und Liebe.




Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Empfehlungen

Passend zur Thematik, ein paar ausgesuchte Gedichte anderer Autoren:



Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





Zur Startseite: Gedichte