Der Herbst


Dies ist der Herbst: der bricht dir noch das Herz! Flieg fort! flieg fort! -

Die Sonne schleicht zum Berg

Und steigt und steigt

und ruht bei jedem Schritt.

 

Was ward die Welt so welk!

Auf müd gespannten Fäden spielt

Der Wind sein Lied.

Die Hoffnung floh

Er klagt ihr nach.

 

Dies ist der Herbst: der bricht dir noch das Herz.

Flieg fort! flieg fort!

Oh Frucht des Baums,

Du zitterst, fällst?

Welch ein Geheimnis lehrte dich

Die Nacht,

Daß eis′ger Schauder deine Wange,

Die Purpur-Wange deckt?

 

Du schweigst, antwortest nicht?

Wer redet noch?

 

Dies ist der Herbst: der bricht dir noch das Herz.

Flieg fort! flieg fort!

"Ich bin nicht schön"

- so spricht die Sternenblume

"Doch Menschen lieb′ ich

Und Menschen tröst′ ich

sie sollen jetzt noch Blumen sehn,

nach mir sich bücken

ach! und mich brechen -

in ihrem Auge glänzt dann

Erinnerung auf,

Erinnerung an Schöneres als ich:

Erinnerung an Glück, an Menschenglück:

- ich seh′s, ich seh′s - und sterbe so".

 

Dies ist der Herbst: der bricht dir noch das Herz!

Flieg fort! flieg fort!



(* 1844-10-15, † 1900-08-25)



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Kommentare


  • Alberto Gottlieb
    Splendida, triste e splendida; volate via, volate qui.

  • Maria Schindler
    Fünf Sterne für dieses wunderschöne, traurige Gedicht! Wie wahr in dieser Zeit. Ich hab es grad auf mdr Kultur - meinem Radiosender hier in Dresden - gesprochen gehört...und musste es gleich nocheinmal nachlesen.