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Hippolyt im Thale von Aricia


Durch des düstern Waldthals Schauer

Wankt ein holdes Schattenbild,

Ihm hat tiefumflorte Trauer

Stirn und Augen trüb umhüllt:

Dicht verschränkte Eichenäste

Senken Nacht aus heit′rer Luft,

Mattverhauchte kühle Weste

Flüstern wie aus offner Gruft.

Wo des Felsens wilde Trümmer

Tausendjähr′ges Moos umkeimt,

Sitzt im dämmerlichen Schimmer

Bleich der Jüngling da und träumt;

Träumt von jüngstentschwundnen Tagen,

Träumet Jagd und Jünglingsspiel,

Staubumwallte Siegeswagen

Und den Preis am hohen Ziel.

Wenn aus Thetis′ Purpurwogen

Titan kühn zum Aether steigt,

Und am blauen Himmelsbogen

Seine Strahlenhöh′ erreicht;

Sinkt von einem blassen Tage

Kaum ein Schimmer in die Gruft,

Wo mit anmuthsvoller Klage

Hippolyt der Vorzeit ruft.

Ha! er rufet den Genossen:

»Auf zum Wettkampf, auf zum Streit!

Eilt herbei mit Flammenrossen,

Öffnet weit die Rennbahn, weit!

Von Trözenä′s engem Strande

Zum umwogten Isthmos hin,

Wo im heitern Sonnenlande

Meine Siegespalmen blühn!«

Ihm verstummt die Felsenhöhle,

Es verstummt der Waldgesang

Und die heiligtiefe Seele

Rasch ein Pfeil des Weh′s durchdrang!

Nur das leise Bächlein trauert

In sein tiefes Seelenweh,

Und von Wehmuth trüb umschauert

Kömmt′s herab von grüner Höh′!

»Bin ich noch? im Schattenlande,

Leb′ ich in der Oberwelt?

Wer, entführt dem Heimathsstrande,

Hat dem Nichts mich zugesellt?

Schatten dicht an Schatten wallen

Still in Plutos finster′m Land;

Doch in diese Felsenhallen

Bin ich einsam hingebannt!

»Harter Vater! deinem Zorne,

Folgt ihm nicht der herbe Tod?

War aus meines Lebens Borne

Nicht Trözens Gestade roth?

Göttin mit dem Silberbogen,

Nahmst du mich in deinen Schooß,

Als dem Scheusal aus den Wogen

Reines Blut der Unschuld floß?«

So erscheint in wirren Träumen

Ihm des ersten Lebens Bild;

Wie aus duftumflorten Räumen

Nachtgebilde trüb′ umhüllt;

»Göttin! - gabst du mir das Leben,

Gieb mir auch des Lebens Glück!

Laß mich leicht als Schatten schweben,

Oder sende mich zurück!«

Und ein weißes Reh erscheinet

In dem dichtverwachs′nen Wald,

Naht dem Jüngling und vereinet

Sich ihm zur Gespielin bald.

Streifet rasch an ihm vorüber,

Hüpft auf Felsen vor ihm hin;

Und je länger und je lieber

Wird′s des Jünglings trübem Sinn.

Endlich ruht′s an einer Quelle,

Die durch Felsen niederrollt;

In der reinergoss′nen Welle

Schwimmt des fernen Aethers Gold;

Myrt′ und Lorbeerwipfel neigen

Flüsternd sich darüber hin,

Und aus duft′gen Blüthenzweigen

Säuseln Schlummerphantasie′n

Schmachtend sinkt der Jüngling nieder

An bemoos′ter Felsenwand;

Sanft entstrickt die schönen Glieder

Ihm des Schlummers leise Hand,

Laue Abendwinde wanken

Durch das mildumglänzte Grün,

Und mit traubenvollen Ranken

Schirmt des Felsens Epheu ihn.

Düfte wallen, Blumen sprießen;

Schnee und Gold und Purpurglanz,

Ton′ und Farb′ und Duft umschließen

Ihn mit einem Wonnekranz!

Friedlich auf- und abgehoben

Wallt entfesselt seine Brust,

Und im Schlummer leis′ umwoben

Hat der Traumgott ihn mit Lust.

Um die schroffen Felsengipfel

Schwebt des Abends Purpurschein,

Durch der Ulmen luft′ge Wipfel

Tröpfelt Sonnengold herein:

Aus der tiefen Felsengrotte

Blickst du fern in′s Meeresblau,

Und dem heitern Sonnengotte

Folgt die Nacht mit Schlummerthau.

An der hohen Aetherhalle

Steigen still emporgelenkt

Nach und nach die Sternlein alle,

Sanft die Augen abgesenkt,

Wo vom süßen Schlaf umfangen

Hold der traute Schläfer liegt,

Und die hochentglühten Wangen

Leis′ ein Ahndungstraum umfliegt.

Alle sind vorbeigezogen;

Luna nur aus hoher Luft

Blickt vom blauen Himmelsbogen

Auf Aricia′s Felsengruft;

Rührt mit reinen Silberpfeilen

Sanft des Jünglings Augenlid,

Und von süßem Weh zu heilen,

Ach! erwachet Hippolyt.

»Welcher Wohllaut, welch ein Schimmer

Welcher Stimme Himmelston!

Ist es Stern′, ist′s Mondgeflimmer?

Wohn′ ich bei den Göttern schon?

Silberbogen seh ich schweben

Nah und näher stets um mich,

Und ein niegefühltes Leben

Überströmt mit Sehnsucht mich.

Und in sanft′re Schatten tauchet

Sich der Glanz, das Silberlicht;

Süß′rer Liebeston umhauchet

Philomela′s Wiege nicht!

Und der Bach ist Lied geworden,

Alle Wipfel Melodie!

Und von süßeren Accorden

Hallte Sappho′s Leier nie!

»Sind Elysium diese Thale?

Bist du Lethe, holder Bach?

Trank aus des Vergessens Schale

Ich mich süß vom Schlummer wach?

Welch ein Licht um meine Seele,

Welch ein Frieden in der Brust!

Aus der finstern Schmerzenshöhle

Stieg ich auf zu Götterlust.

»Ward ich sanft empor gehoben,

Ach, in reine Göttergluth!

Und von Wonneglanz umwoben

Taucht′ ich in die heil′ge Fluth;

Im Olymp, im Schattenlande,

Bei des Schicksals finster′m Blick,

In des trübsten Daseyns Stande,

Überall ist Liebe Glück!«

Glanz und Ton sind hingeschwunden,

Doch des Busens inn′res Licht,

Dieser Traum von Götterstunden

Schwindet ewig, ewig nicht!

Wer im reinen Herzen fühlet

Heil′ger Liebe Himmelslust,

Keine Erdenquelle kühlet

Ihm die Flamm′ in hoher Brust!



(* 03.06.1765, † 25.05.1835)




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