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Der Fischer von Gotin


Was regt sich dort um Mitternacht?

Elz hat das Netz zu Strand gebracht,

Die Havel hegt viel Fische.

Da rufts von drüben mit fremdem Laut:

»Hol über!« so wüst daß Eulen graut,

Elz aber frägt: Wer ruft da?

»Hol über!« rufts mit grimmem Ton;

Ein andrer wär da bald entflohn,

Elz aber ruft: Wer seid ihr?

»Hol über!« rufts mit solcher Wut,

Daß her zum Nachen rauscht die Flut,

Elz aber nimmt das Ruder,

Kennt keine Furcht und keinen Schreck,

Er springt ins Schiff und rudert keck,

Bis er gelangt zum Strande.

Da schleppt sich herab aus wildem Wald

Eine riesig dunkle Graungestalt

Ins Schiff wie mit bleiernen Füßen,

So schwer, daß fast es niedergeht.

Doch Elz stößt ab das Boot und steht

Hochschwebend am andern Ende.

Wie auch das schwanke Holz erkracht,

Elz stehet fest und lenkts mit Macht

Hin durch den Strom der Havel.

Der Fremde blickt ihn furchtbar an,

Elz wieder ihn, als echter Mann,

Und schwingt gemach das Ruder.

Und wie er kommt zum andern Strand

Steigt schweren Tritts der Gast ans Land,

Elz aber heischt das Fährgeld.

»Es liegt im Schiff worin ich saß,

Den keiner zu fahren sich je vermaß

Als du allein, du Kühner!

Denn wisse, daß der Tod ich bin:

Ich ziehe vor Tage nach Gotin

Und alles wird da sterben.

Nur du sollst spät mich sonder Graun

Mit leichten Flügeln wiederschaun

Als sanften Seelenlöser.«



(* 26.05.1799, † 03.02.1853)




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