Mit Recht verhalten sich die Herren kleiner Staaten,

So wie die großen Potentaten;

Doch sind die Klügsten jederzeit

Mit Recht auch eingedenk, in Worten und in Thaten,

Der unvollkommnen Aehnlichkeit.

 

Es rüstete, vor vielen Jahren,

Der große Condor sich zum Krieg,

Und er versammelte der edlen Vögel Schaaren,

Die fürchterlich, gewohnt zum Sieg,

Und dieses Haubtes würdig waren.

Zugleich erschien ein Schwarm von Staaren,

Und rief, einmüthig im Geschrei:

Wir stimmen diesem Kriege bei,

Um, wie der Condor, zu verfahren.

 

So waffnete sich auch Germanien zu Siegen,

Und, um das Haus Bourbon beglückter zu bekriegen,

Geht Bund und Reichstag an: der Feldzug wird beliebt.

Als jeder Stand nun seine Stimme gibt,

Verheißen Oesterreichs Gesandte

Ein Heer von dreißigtausend Mann.

Ein bischöflicher hört es an:

Und, als der Aufruf nun auch ihn zum Stimmen nannte,

Hatt′ er es sich gemerkt; denn er votirt sogleich:

In omnibus wie Oesterreich.


Das Gedicht "Der Condor und die Staaren" stammt von (* 1708-04-23, † 1754-10-28).





Ein Gedicht ist eine besondere sprachliche Ausdrucksform, das aus Versen (und Strophen) besteht, die sich i.d.R. reimen.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern verdichten Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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