So lang noch hübsch mein Leibchen,

Lohnt sich′s schon, fromm zu sein.

Man weiß, Gott liebt die Weibchen,

Die hübschen obendrein.

Er wird′s dem art′gen Mönchlein

Gewisslich gern verzeihn,

Dass er, gleich manchem Mönchlein,

So gern will bei mir sein.

 

Kein grauer Kirchenvater!

Nein, jung noch und oft roth,

Oft gleich dem grausten Kater

Voll Eifersucht und Noth!

Ich liebe nicht die Greise,

Er liebt die Alten nicht:

Wie wunderlich und weise

Hat Gott dies eingericht!

 

Die Kirche weiß zu leben,

Sie prüft Herz und Gesicht.

Stets will sie mir vergeben: -

Ja wer vergiebt mir nicht!

Man lispelt mit dem Mündchen,

Man knixt und geht hinaus

Und mit dem neuen Sündchen

Löscht man das alte aus.

 

Gelobt sei Gott auf Erden,

Der hübsche Mädchen liebt

Und derlei Herzbeschwerden

Sich selber gern vergiebt!

So lang noch hübsch mein Leibchen,

Lohnt sich′s schon, fromm zu sein:

Als altes Wackelweibchen

Mag mich der Teufel frein!


Das Gedicht "Die kleine Hexe" stammt von (* 1844-10-15, † 1900-08-25).





Ein Gedicht ist eine besondere sprachliche Ausdrucksform, das aus Versen (und Strophen) besteht, die sich i.d.R. reimen.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern verdichten Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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