Knabe, süßer, wunderbarer,

Unterm Kuß des Zeus gereift,

Blüte, die in leuchtend-klarer

Schönheit nie der Wind gestreift:

 

Sorgsam tränkst du und ästhetisch,

Wenn auch halb gelangeweilt,

Hier den Aar, der gravitätisch

Schmaust und wenig sich beeilt.

 

Mancher würde ungeduldig,

Und er hätte Grund genug,

Doch du denkst: Ich bin′s ihm schuldig,

Weil er zum Olymp mich trug;

 

Weil er schnell, mich fester fassend,

In die Wolken mich entrückt,

Als ich, schwindelnd und erblassend,

Unter mich hinabgeblickt;

 

Ja, weil er sogar die Klauen

Unterm Fittich-Paar verhüllt,

Die mich fast mit größerm Grauen,

Als der Abgrund selbst, erfüllt.

 

Solltest doch ins Ohr ihm raunen:

Spute dich zu deinem Heil;

Denn schon wölkte Zeus die Braunen,

Und - da fällt der Donnerkeil!

 

Auf, mein Vogel, dienstbeflissen!

Wie du auch das Auge rollst!

Du, o Knabe, wirst schon wissen,

Wo du dich erholen sollst!

 


Das Gedicht "Thorwaldsens Ganymed und der Adler" stammt von   (1813 - 1863).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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