»Viel Vögel sind, die hassen mich:

Ich bin ein Kauz und acht′ es nicht.«

 

*

Ein Rabe ruft vom Bergesrand

Hoch aus der Esche Gabel,

Er hält die Schwingen fluggespannt

Und wetzt sich seinen Schnabel:

 

»Was hausest du im holen Stein?

Der Weltlust abgekehret?

Sag an, du braunes Waldkäuzlein,

Wer hat dich das gelehret?«

 

Der Kauz schlägt mit den Schwingen

Und drückt das Auge zu:

»Forsch′ Du nach weisen Dingen

Und laß mich hier in Ruh.«

 

Der Rabe flog von dannen,

Das Käuzlein rüttelte sich:

»Nun sagt mir′s, Waldnacht-Tannen!

Denn wissen möcht′s auch ich.«

 

*

Die Nachtigall in Rosen sang.

Sie sang mit süßem Locken,

Und wie sie sich zu Walde schwang,

Sah sie das Käuzlein hocken.

 

Da ließ sie lauter als zuvor

Ihr jauchzend Schmettern schallen:

»Flieg aus! griesgrämig, scheuer Thor!

Laß Dir die Welt gefallen!« -

 

Und schoß dahin, und hinter ihr

Haucht′s wie aus Wunderblüthen. -

Und schmollend durch das Flöten ihr

Scholl nach des Kauzes Wüthen.


Das Gedicht "Von einem Kauz" stammt von   (1834 - 1912).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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