Welt reichte nur vom kleinen Garten, drin die Dahlien blühten, bis zur Zelle

Und durch die Gänge nach dem Hof und früh und Abends zur Kapelle’

Aber unter mir war Ebene, ins Grün versenkt, mit vielen Kirchen und weiß blühenden Obstbäumen,

Hingedrängten Dörfern, weit ins Land gerückt, bis übern Rhein, wo wieder blaue Berge sie umsäumen.

An ganz stillen Nachmittagen meinte man die Stimmen von den Straßen heraufwehen zu hören, und Abends kam Geläute,

Das hoch den blau ziehenden Rauch der Kamine überflog und mich in meinem Nachsinnen erfreute.

 

Wenn dann die Nacht herabsank und über meinem Fenster die Sterne erglommen,

War eine fremde Welt aus Büchern auf mich hergesenkt und hat mich hingenommen.

Ich las von Torheit dieser Welt, Bedrängnis, Späßen, Trug und Leiden,

Fromme Heiligengeschichten, grausenvoll und lieblich, und die alte Weisheit der Heiden.

Sinnen und Suchen vieler Menschenseelen war vor meine Augen hingestellt,

Und Wunder der Schöpfung und Leben, das ich liebte, und die Herrlichkeit der Welt.

 

Und ich beschloß, all das Krause, das ich seit so viel Jahren

Aus Büchern und Wald und Menschenherzen und einsamen Stunden erfahren,

Alles Gute, das ich in diesem Erdenleben empfangen,

Treu und künstlich in Bild und Schrift zu bewahren und einzufangen.

Später, wenn die Augen schwächer würden, in den alten Tagen,

Würd ich in meiner Zelle sitzen und übers Elsaß hinblicken und mein Buch aufschlagen,

Und meiner Seele sprängen wie am Heiligenquell im Wald den Blinden Wunderbronnen,

Und still ergieng ich mich und lächelnd in dem Garten meiner Wonnen.


Das Gedicht "Herrad" stammt von   (1883 - 1914).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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