Einstmals hab ich ein Lied gewußt,

Einst, in goldenen Stunden,

Sang ich′s, da ich ein Kind noch war,

Aber mir ist′s entschwunden.

 

Lieblich schwebte die Weise hin,

weich wie Schwanengefieder;

Ach, wohl such′ ich durch Feld und Wald,

Finde nimmer sie wieder.

 

Manchmal mein ich, es wogt ihr Laut

Über der Flur in den Winden;

Aber es ist verhallt im Nu,

Will ich ihn greifen und binden.

 

Oft auch, wenn ich bei Nacht entschlief,

Streift urplötzlich und leise

Über mein Herz mit Traumeshand

Die verlorene Weise.

 

Aber fahr′ ich vom Kissen auf,

Kann ich mich nimmer besinnen;

Nur vom Auge noch fühl ich sacht

Brennende Tränen rinnen.

 

Und doch mein ich: fänd ich den Klang,

All die heimlichen Schmerzen

Könnt, ich wieder, wie einst als Kind,

Mir wegsingen vom Herzen.


Das Gedicht "Entschwunden" stammt von   (1815 - 1884).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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