Es schwingt die Nacht ihr dunkles

Gefieder und entweichet

Langsamen Flugs gen Norden.

Es zeigt in weißem Flor sich

Die Dämmrung in des Morgens

Geraumen Silberhallen,

Und weckt mit leisem Lispeln

Die Nachtigall. In festlich

Langsamem Ton beginnt sie

Ihr Lied zum Lob der Sonne;

Da naht im Purpurschleier

Die holde Morgenröthe,

Und streut die Fülle Rosen

Vom Morgenthor bis wo sich

Der Sonnenweg bemerkbar

In′s Himmelblau erhebet.

Geendet hat ihr Loblied

Die Nachtigall; es tönet

Das laute Chor der Lerchen

Und andrer Sängerinnen,

Begleitet von Gesäusel

Des regen Laubs der Bäume....

Da sinken und verwandeln

Allmählig sich die weiten

Prachtvollen Säulenhallen

Des Morgenroths, und werden

Zu einem See von Purpur,

Wo Wellen gegen Wellen

Sich heben, sich bekämpfen,

Allmählig in einander

Verfließen, um auf′s neu sich

Zu heben und zu kämpfen.

Doch seht! ein goldnes Meerschiff,

Geschmückt mit Strahlengarben,

Zertheilt die Purpurwogen

Mit herrscherischem Gange.

Es ist das Schiff der Sonne,

Der Königin des Weltalls.


Das Gedicht "Der Sonnenaufgang" stammt von   (1808 - 1825).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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