Es war ein König Milesint,

Von dem will ich euch sagen:

Der meuchelte sein Bruderskind,

Wollte selbst die Krone tragen.

Die Krönung ward mit Prangen

Auf Liffey-Schloß begangen.

O Irland, Irland! warest du so blind?

 

Der König sitzt um Mitternacht

Im leeren Marmorsaale,

Sieht irr in all die neue Pracht,

Wie trunken von dem Mahle.

Er spricht zu seinem Sohne:

"Noch einmal bring′ die Krone!

Doch schau, wer hat die Pforten aufgemacht?"

 

Da kommt ein seltsam Totenspiel,

Ein Zug mit leisen tritten,

Vermummte Gäste groß und viel,

Eine Krone schwankt inmitten;

Es drängt sich durch die Pforte

Mit Flüstern ohne Worte:

Dem Könige, dem wird so geisterschwül.

 

Und aus der schwarzen Menge blickt

Ein Kind mit frischer Wunde,

Es lächelt sterbensweh und nickt,

Es macht im Saal die Runde,

Es trippelt zu dem Throne,

Es reichet eine Krone

Dem Könige, das Herze tief erschrickt.

 

Darauf der Zug von dannen strich,

Von Morgenluft berauschet.

Die Kerzen flackern wunderlich,

Der Mond am Fenster lauschet.

Der Sohn mit Angst und Scheigen

Zum Vater tät sich neigen -

Er neiget über eine Leiche sich.


Das Gedicht "Die traurige Krönung" stammt von   (1804 - 1875).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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