An des Jahres Wende sprach ich: Muse,

Keiner Mutter Hand beschert mich! Gib mir

Du mein Angebinde, Muse! fleht ich.

In die Kammer, lauschend von dem Lager,

Sah ich bald der Schwestern eine schreiten.

Auf mein Tischchen setzt′ sie einer Ampel

Zarte Form mit schlankgeschweiften Henkeln,

Aber die mir keineswegs antik schien.

 

Ich erschrak. Was meinst du, Muse? Rätst du

Nächtlich auszufeilen meine Verse?

Schon entschwebend, wandte sie das Antlitz

Halb. Ich sah des Musenhauptes edeln

Umriss mit den spottend feinen Lippen ...

Als ich dann in neuem Jahr erwachte,

Keine Ampel! Doch ich fand sie wieder -

Und erkannte gleich sie an der zarten

Form und an den schlankgeschweiften Henkeln -

In des Liebchens Hand, das mir die Treppe

Nächtlich hellt′ mit stillen Ampelstrahlen.

Scheidend auf die letzte Stufe setzt′ sie

Das Geschenk der Muse sacht und küsst′ mich.


Das Gedicht "Die Ampel" stammt von   (1825 - 1898).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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