Ich sehe dich, den Kranz im Haar

Die zur Vermählung schreitet

Von einer jungen Genienschar

Umjubelt und begleitet.

 

Ein kleines Heer, ein feines Heer

Sind alles deine Schwestern.

Du bist sie und bist sie nicht mehr

Und warest sie noch gestern.

 

Wer gibt Geleit mit Lustgetön

Dem stillen Hochzeitspaare?

Das sind, bekränzt mit Rosen schön,

All deine raschen Jahre.

 

Voran ein Kindlein weint und lacht

Vom Mutterarm getragen;

Das zweite setzt die Füsschen sacht

Und schreitet noch mit Zagen.

 

Es folgen Stufen mannigfalt

Des jungen Menschenbildes,

Mit einem scheuen Kinde wallt

Ein Mägdlein schon, ein wildes.

 

Dann ist ein frisches minniges

Lenzangesicht zu schauen

Und dann ein blasses inniges

Antlitz mit ernsten Brauen.

 

Nun eines noch, versunken ganz

In still verklärten Zügen

Erfüllung in des Blickes Glanz

Und seliges Genügen.

 

Jetzt trittst du durch das Kirchentor,

Dich ewig zu verbinden

Die Mädchen bleiben all davor,

Vergehen und verschwinden.


Das Gedicht "Brautgeleit" stammt von   (1825 - 1898).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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