Jüngst verlockt′ es mich im Abendglimmen,

Zum Lombardenturm emporzuklimmen,

Dem verschollnen Herrscher hier im Gaue,

Der die Ferne noch beherrscht, die blaue.

 

In den Mauern bin ich lang geblieben:

Alte Namen standen rings geschrieben

Hoch im Raume, wo die Luken schimmern,

Doch die Wendeltreppe lag in Trümmern.

 

Die den Blick ins Weite dort gerichtet,

Ihre Wanderstäbe sind vernichtet,

Ihre leichten Mäntel sind verstoben,

Ihre Sprüche blieben aufgehoben.

 

Einer dichtet Anno fünfzehnhundert:

"Gott hab ich in der Natur bewundert!,

"Gaudeamus!" gräbt ein flotter Zecher

Um den keck entworfnen Riesenbecher.

 

Dort ein Herz von einem Pfeil durchschnitten:

"Hedewig" steht auf des Bolzes Mitten;

Dicht daneben schrieb ein Fahrtgenosse

Gut lateinisch eine derbe Posse -

 

Dann in des Kastelles tiefem Schatten

Warfen sich die Schüler auf die Matten,

Leerten einen Humpen und von dannen

Pilgerten sie singend durch die Tannen.


Das Gedicht "Alte Schrift" stammt von   (1825 - 1898).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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