Süß und wonnesam ist der Schlaf. -

In der strengen Schule des Lebens,

wo gleich unverständigen Kindern

wir die krausen, verworrenen Rätsel

mühsam zusammenbuchstabieren

aber nimmer den Sinn erforschen,

wo der Schmerz mit ehernem Griffel

Runen auf unsere Stirnen schreibt,

dünkt der Schlaf die Erholungsstunde

mir, die süße, köstliche Pause,

da die verschlossene Türe aufspringt

und statt dumpfigen Bücherstaubes

Sonnenstrahlen und Luft wir atmen...

süß und wonnesam ist der Schlaf. -

 

Schlaf ist Vergessen, ist die Befreiung

von all den lastenden, quälenden Sorgen

um des Daseins traurige Narrheit,

um der Zukunft lichtloses Dunkel,

um das eine, selige Glück,

das gleich silbernen Wasserwogen

meines Lebens dornige Wüste

noch mit blühenden Blumen schmückte,

und nun haltlos wie Regentropfen

mir in der zitternden Hand zerrinnt. -

 

Süß und wonnesam ist der Schlaf,

aber eines noch däucht mich süßer:

nicht das Vergessen nur, - das Vergehen!

Nicht das Ausruhen, - nein, die Ruhe!

 

Sei willkommen mir, goldene Stunde,

die den Schüler gereisten Sinnes

aus der drückenden Mauern Enge

über die Schwelle hinaus in lichte

sonnendurchstrahlte Weiten führt -

 

Sei gesegnet, du Götterbote,

der auf rauschenden Adlerschwingen

meine Seele aus Nacht und Dunkel

aufwärts trägt zu den fernen Höhn,

wo aus goldenem Schacht des Glückes

nie versiegende Quellen sprudeln! -

 

Dreimal süßer ist Schlaf, denn Wachen,

aber das Süßeste ist der Tod.


Das Gedicht "Schlaf und Tod" stammt von   (1860 - 1905).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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