I

 

Das erste, des Zäzilie beflissen,

ist dies: sie nimmt von Tisch und Stuhl die Bücher

und legt sie Stück auf Stück, wie Taschentücher,

jeweils nach bestem Wissen und Gewissen.

 

Desgleichen ordnet sie die Schreibereien,

die Hefte, Mappen, Bleis und Gänsekiele,

vor Augen nur das eine Ziel der Ziele,

dem Genius Ordnung das Gemach zu weihen.

 

Denn Sauberkeit ist nicht zwar ihre Stärke,

doch Ordnung, Ordnung ist ihr eingeboren.

Ein Scheuerweib ist nicht an ihr verloren.

Dafür ist Symmetrie in ihrem Werke.

 

II

 

Zäzilie soll die Fenster putzen,

sich selbst zum Gram, jedoch dem Haus zum Nutzen.

 

"Durch meine Fenster muß man", spricht die Frau,

"so durchsehn können, daß man nicht genau erkennen kann, ob dieser Fenster Glas

Glas oder bloße Luft ist. Merk dir das."

 

Zäzilie ringt mit allen Menschen-Waffen . . .

Doch Ähnlichkeit mit Luft ist nicht zu schaffen.

Zuletzt ermannt sie sich mit einem Schrei -

und schlägt die Fenster allesamt entzwei!

 

Dann säubert sie die Rahmen von den Resten,

und ohne Zweifel ist es so am besten.

Sogar die Dame spricht zunächst verdutzt:

"So hat Zäzilie ja noch nie geputzt."

 

Doch alsobald ersieht man, was geschehn,

und sagt einstimmig: "Diese Magd muß gehn."

 

(aus "Galgenlieder")


Das Gedicht "Zäzilie" stammt von   (1871 - 1914).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





Zur Startseite: Gedichte