Der Zwölf-Elf hebt die linke Hand:

Da schlägt es Mitternacht im Land.

 

Es lauscht der Teich mit offnem Mund

Ganz leise heult der Schluchtenhund.

 

Die Dommel reckt sich auf im Rohr

Der Moosfrosch lugt aus seinem Moor.

 

Der Schneck horcht auf in seinem Haus

Desglelchen die Kartoffelmaus.

 

Das Irrlicht selbst macht Halt und Rast

auf einem windgebrochnen Ast-

 

Sophie, die Maid, hat ein Gesicht:

Das Mondschaf geht zum Hochgericht.

 

Die Galgenbrüder wehn im Wind.

Im fernen Dorfe schreit ein Kind.

 

Zwei Maulwürf küssen sich zur Stund

als Neuvermählte auf den Mund.

 

Hingegen tief im finstern Wald

ein Nachtmahr seine Fäuste ballt:

 

Dieweil ein später Wanderstrumpf

sich nicht verlief in Teich und Sumpf.

 

Der Rabe Ralf ruft schaurig: "Kra!

Das End ist da! Das End ist da!"

 

Der Zwölf-Elf senkt die linke Hand:

Und wieder schläft das ganze Land.

 

(aus "Galgenlieder")


Das Gedicht "Der Zwölf-Elf " stammt von   (1871 - 1914).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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