Ein Werwolf eines Nachts entwich

von Weib und Kind, und sich begab

an eines Dorfschullehrers Grab

und bat ihn: Bitte, beuge mich!

 

Der Dorfschulmeister stieg hinauf

auf seines Blechschilds Messingknauf

und sprach zum Wolf, der seine Pfoten

geduldig kreuzte vor dem Toten:

 

"Der Werwolf",- sprach der gute Mann,

"des Weswolfs, Genitiv sodann,

dem Wemwolf, Dativ, wie man′s nennt.

den Wenwolf,- damit hat′s ein End′."

 

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,

er rollte seine Augenbälle.

Indessen, bat er, füge doch

zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!

 

Der Dorfschulmeister aber mußte

gestehn,daß er von ihr nichts wußte.

Zwar Wölfe gäb′s in großer Schar,

doch ′Wer′ gäb′s nur im Singular.

 

Der Wolf erhob sich tränenblind -

er hatte ja doch Weib und Kind!

Doch da er kein Gelehrter eben,

so schied er dankend und ergeben.

 

(aus "Galgenlieder")


Das Gedicht "Der Werwolf" stammt von   (1871 - 1914).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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