Die Poesie gieng einst spatzieren/

Und traf die Lust/ Verstand und Weißheit an/

Sie hörte sie den schärfsten Wort-Streit führen/

Wem wohl die Welt am meisten unterthan.

Die Lust sprach: Ich beseele sie;

Vor meinem Pfeil entflieht ein Hertze nie.

Doch wandte der Verstand hier ein:

Mein Scepter prangt: wo rechte Menschen seyn.

Und ich kan mich verehret sehen/

So gab die Weißheit drauf/

Wo Seelen nach dem Himmel gehen.

Geliebte/ höret auf/

So sprach die Poesie/ kommt/ ich will euch entscheiden:

Mein Reich kan euch zusammen leiden

Doch seyd ihr nicht zusammen wohl vergnügt/

Nun wohl/ so sey es so gefügt:

Zehn Jahre soll das Reich geschickter Lust gebühren/

Und zwantzig der Verstand das kluge Scepter führen/

Die Weißheit trägt der Crone Kostbarkeit

Auch ohngefehr so lange Zeit.

Ach edle Poesie! so sprachen sie zugleich/

So sind wir wohl vergnügt/ drauf theilten sie das Reich

Auch unter sich/ und ohne streiten/

Und zwar in die vier Jahres Zeiten:

Die Sinnen reiche Lust nahm erst den Frühlings-Schein/

Den Sommer der Verstand/ den Herbst die Weißheit ein.

Mein Leser/ fragst du nun/ wo doch der Winter bleibt?

Matz Tasche sitzet da erfroren:

Da herrschen zwey bekandte Thoren:

Der übel von mir spricht/ und üble Verße schreibt.


Das Gedicht "Von der Poesie" stammt von   (1680 - 1721).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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