Budorgis und Pariß bemüthen sich/ den Preiß/

Den edlen Palmen-Zweig einander auszuwinden.

Wo/ sprach Pariß/ wo ist ein Land/ das gleichen Fleiß

Und gleiche Schönheit läßt in den Gedancken finden?

Budorgis gab hierauf: so schön auch euer Geist/

So scheinet Phœbus doch mit gleich geneigten Strahlen

Auf unser Vaterland/ und was ihr selten heist/

Kan unser Reichthum wohl an gleichen Wehrte zahlen.

Wie? welcher Schimpf/ Pariß! ein unbekandtes Land

(So prahlt′ es) darf sich wohl zu deiner Sonne wagen?

Wem unsre Adler nicht/ sprach jenes/ wohl bekandt/

Der kan von ihrem Flug auch nichts gescheutes sagen.

Ihr seyd in euch verliebt/ und untersuchet nicht/

Wie retn/ wie schön allhier der Musen Qvellen springen.

Wie wieder die Natur bey uns kein Dichter spricht;

Wie eure Sylben oft und Reimen übel klingen.

Damit so zogen sie die Palmen hin und her/

Als Lindenstadt hierauf sich in das Mittel setzte.

Hier sahe man sich um: es kam von ohngefehr/

Daß Meissen sich zugleich der Palmen würdig schätzte.

Sein Linden-Zweig roch schön/ so kräfftig als beliebt.

Ich aber kan den Streit hier nicht zu Ende führen.

Denn weil es/ sprach Pariß/ bey euch auch Palmen giebt/

So sollen sie mich nur des Alters wegen zieren.

 

Ausspruch:

 

Ein junger Adler lernt so wohl als alte fliegen/

Drum bilde dir/ Pariß/ nichts mit dem Alter ein;

Denn Teutschlands Morgenröth ist schon so hoch gestiegen/

Daß weil du untergehst/ so wird sie Sonne seyn.


Das Gedicht "Uber der Frantzosen und Teutschen Poesie" stammt von   (1680 - 1721).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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