1.

Meine Schwester mein Kind!
Denk dir wie lind
Wär es dorthin zu entweichen!
Liebend nur sehn ·
Liebend vergehn
In Ländern die dir gleichen!
Der Sonnen feucht
Verhülltes geleucht
Die mir so rätselhaft scheinen
Wie selber du bist
Wie dein Auge voll List
Das glitzert mitten im weinen.

Dort wo alles friedlich lacht –
Lust und Heiterkeit und Pracht.

Die Möbel geziert
Durch die Jahre poliert
Ständen in deinem Zimmer
Und Blumen zart
Von seltenster Art
In Ambraduft und Flimmer.
Die decken weit
Die spiegel breit
In Ostens Prunkgemache
Sie redeten dir
Geheimnisvoll hier
Die süße Heimatsprache.

Dort wo alles friedlich lacht –
Lust und Heiterkeit und Pracht.

Sieh im Kanal
Der Schiffe zahl
Mit schweifenden gelüsten!
Sie kämen dir her
Aufs kleinste Begehr
Von noch so entlegenen Küsten.
Der Sonne Glut
Ersterbend ruht
Auf Fluss und Stadt und die ganze
Welt sich umspinnt
Mit Gold und jazint
Entschlummernd in tief-warmem Glanze.

Dort wo alles friedlich lacht –
Lust und Heiterkeit und Pracht.

2.

Kind, Schwester, hold ist′s zu träumen,

Wir zögen zu zwein ohne Säumen

Nach jenem herrlichen Land.

In Lieb uns verstehend,

In Liebe vergehend,

Dort wo die Welt dir verwandt.

Wo die feuchten Sonnen,

Von Schleiern umsponnen,

Erwecken so seltsame Glut,

So rätselhaft Sehnen

Wie dein Auge voll Tränen,

Drin verräterisch Leuchten ruht.

Dort, wo Frieden, Lust und Prangen,

Glanz und Wollust uns umfangen.

Viel blankes Gerät

Im Saale steht,

Die Jahre gaben ihm Schimmer.

Fremder Blumen Duft,

Weiche Ambraluft

Durchwehen wie Träume das Zimmer.

Die Wände so weich,

Die Spiegel so reich,

Des Orients leuchtend Gepränge

Fast scheint es dir,

Als vernähmest du hier

Der Seele Heimatklänge.

Dort wo Frieden, Lust und Prangen,

Glanz und Wollust uns umfangen.

Sieh auf dem Kanal

Im sonnigen Strahl

Die träumenden Schiffe gleiten.

Dein kleinstes Begehr,

Sie bringen es her

Von der Erde entlegensten Weiten.

Den Fluss und das Land

Umschlingt wie ein Band

Der Schimmer der sinkenden Sonne,

In goldlila Glut

Die Erde ruht,

Hinsterbend in glühender Wonne.

Dort wo Frieden, Lust und Prangen,

Glanz und Wollust uns umfangen.


Das Gedicht "Einladung zur Reise" stammt von   (1821 - 1867).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





Zur Startseite: Gedichte