Bleiche du im roten Haar,

Not und Armut schaut fürwahr

Aus den Löchern deines Kleids

Und viel holder Reiz.

 

Ja, dein schmächtiger Körper beut,

Sommersprossenüberstreut,

Seine Süssigkeit sogar

Armen Dichtern dar.

 

Stolz und zierlich gehst du hin,

Keine Märchenkönigin

Trägt so leicht den seidnen Schuh,

Wie den Holzpantoffel du.

 

Statt der Lumpen sollte dich

Schwer umhüllen, feierlich

Prunkvoll Kleid, das faltig bauscht

Und den Fuss umrauscht.

 

Statt zerrissner Strümpfe sollt′

An dem Bein ein Dolch von Gold

Lüstlings Blicke auf sich ziehn,

Helle Funken sprühn.

 

Und das Tuch, das leicht sich löst,

Zeig′ dem sünd′gen Blick entblösst

Deiner Brüste strahlend Paar,

Wie zwei Augen klar.

 

Deine Arme schnell bereit

Sollen lösen Band und Kleid,

Bieten leichten Widerstand

Nur der kecken Hand.

 

Perlen klar und fehlerlos,

Ein verliebt Sonett Belleaus

Reich′ dir der Verehrer Schar

Täglich kniend dar.

 

Manch ein kühner Reimeschmied

Weihe dir sein erstes Lied,

Und bewundre, wie dein Schritt

Leicht die Stufen tritt.

 

Es umspäh′ in deinem Bann

Kühner Knab′ und Edelmann,

Seufzend mancher rauhe Held,

Nachts dein lauschig Zelt.

 

Auf dem Lager sollen glühn

Küsse mehr als Lilien blühn,

Und ein Valois knie hier

Als ein Knecht vor dir!

 

Bettelnd ziehst du Kind der Not.

Hin durch Strassenschmutz und Kot,

Sammelst aus dem Abfallhauf

Dir die Lumpen auf.

 

Gierig streift den Schmuck dein Blick,

Neunundzwanzig Sous das Stück,

Das ich, rechne mir′s nicht an.

Dir nicht schenken kann.

 

Geh denn hin ganz ohne Zier,

Ohne Perlen und Saphir,

Schlank und nackt und voller Ruh,

Meine Schönheit du.


Das Gedicht "An eine rothaarige Bettlerin" stammt von   (1821 - 1867).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





Zur Startseite: Gedichte