I

 

Stamm Abels, schlafe, iss und trinke;

Gott lächelt gnädig dir;

 

Stamm Kains, in Schmutz und Schlamm versinke,

Verende wie ein Tier.

 

Stamm Abels, deines Opfers Spende

Umkost die Engelein;

 

Stamm Kains, wann naht sich wohl das Ende,

Das Ende deiner Pein ?

 

Stamm Abels, üppig deine Weide,

Der Herde Schar gesund;

 

Stamm Kains, was heult dein Eingeweide

Vor Hunger wie ein Hund?

 

Stamm Abels, wärme Leib und Seele

Am heimischen Herd voll Ruh,

 

Stamm Kains, ein Schakal in der Höhle

Vor Kälte zittre du!

 

Stamm Abels, deine Zahl vermehre,

Dein Gold selbst hecke dir;

 

Stamm Kains, dem heissen Herzen wehre,

Und hüte deine Gier.

 

Stamm Abels, gras auf allen Wegen,

Den Raupen gleich an Zahl!

 

Stamm Kains, auf deinen wirren Wegen

Lieg′ Kampf und Todesqual.

 

II

 

Stamm Abels, wenn du einst verendet,

Dein Aas die Sonne frisst!

 

Stamm Kains, du hast noch nicht vollendet,

Was deines Amtes ist;

 

Stamm Abels, deines Eisens Klinge

Dem Wurfspiess ward zum Spott!

 

Stamm Kains, zum Himmel auf dich schwinge,

Zur Erde schleudre Gott!


Das Gedicht "Abel und Kain" stammt von   (1821 - 1867).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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