Ob Weizen reift zu Semmel oder Kuchen,

Darüber sorgt der Säugling nicht,

Der einen Busen weiß zu suchen,

Und lallend mit der Amme spricht.

 

Er bittet nicht um Regen oder helle

Vom Lerchenchor durchsungne Luft,

Wenn selbst die halbversiegte Quelle

Zum Jupiter um Nässe ruft,

 

Er kennet keine Güter, des Bestrebens,

Des Wunsches seiner Seele werth,

Ihm ist das ganze Glück des Lebens

Die volle Brust, die ihn ernährt.

 

Nach ihr verlangt er heißer als die Schaaren

Der Römer bey dem Marc Anton

Nach Wasser, als sie schmachtend waren,

Und kämpfend vor den Parther flohn.

 

An diese Brust fällt er mit größerm Geize

Als ein verliebter Jünglingsmund

An Lippen, die durch ihre Reize

Sein junges Herze machten wund.

 

Und wenn er nun dies erste Glück verlieret

Und seinen ersten Kummer weint,

Wird seine Mutter tief gerühret,

Mit ihm zur Traurigkeit vereint.

 

Es dünkt ihr hart, den Säugling so zu quälen,

Und doch ists ein nothwendig Muß:

So weislich läßt der Himmel fehlen

Uns Größern oft den Ueberfluß.

 

Er thät es nie, wenn nicht Sein Auge wüßte,

Was jedem Menschen nützlich sey,

Er nimmt die Nahrung unsrer Lüste

Und legt uns etwas Beßres bey.


Das Gedicht "Über die Begierde des Säuglings" stammt von   (1722 - 1791).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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