Des Weinstocks Saftgewächse ward

Von tausend Dichtern laut erhoben;

Warum will denn nach Sängerart

Kein Mensch die Kirsche loben?

 

O die karfunkelfarbne Frucht

In reifer Schönheit ward vor diesen

Unfehlbar von der Frau versucht,

Die Milton hat gepriesen.

 

Kein Apfel reizet so den Gaum

Und löschet so des Durstes Flammen;

Er mag gleich vom Chineser-Baum

In ächter Abkunft stammen.

 

Der ausgekochte Kirschensaft

Giebt aller Sommersuppen beste,

Verleiht der Leber neue Kraft

Und kühlt der Adern Aeste;

 

Und wem das schreckliche Verboth

Des Arztes jeden Wein geraubet,

Der misch ihn mit der Kirsche roth

Dann ist er ihm erlaubet;

 

Und wäre seine Lunge wund,

Und seine ganze Brust durchgraben:

So darf sich doch sein matter Mund

Mit diesem Tranke laben.

 

Wenn ich den goldnen Rheinstrandwein

Und silbernen Champagner meide,

Dann Freunde mischt mir Kirschblut drein

Zur Aug- und Zungenweide:

 

Dann werd′ ich eben so verführt,

Als Eva, die den Baum betrachtet,

So schön gewachsen und geziert,

Und nach der Frucht geschmachtet.

 

Ich trink und rufe dreymal hoch!

Ihr Dichter singt im Ernst und Scherze

Zu oft die Rose, singet doch

Einmal der Kirschen Schwärze!


Das Gedicht "Lob der schwarzen Kirschen" stammt von   (1722 - 1791).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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