In des Waldes Kathedrale

Rauscht das Laub als Sonntagsglocken,

Glühn als goldne Ampelstrahle

Hell der Sonne Lichterflocken.

 

Und die gläub’gen Vöglein wallen,

Sonntaglich an Leib und Feder,

Zu des Buchbaums grünen Hallen,

Wo ein Ast ragt als Katheder.

 

Dompfaff Gimpel predigt dorten,

Der die Frau’n und Herrn begeistert,

Weil er klug mit Salbungsworten

Jene rührt und diese meistert.

 

Läßt nicht gut von schwarzem Sammet

Ihm das Soli-deo-käppchen?

Roth die Domherrnweste flammet,

Zierlich fällt das schwarze Schleppchen.

 

Seine engbestrumpften Beine

Weiß er anstandsvoll zu stellen,

Dem Asketeneifer feine

Weltmanieren zu gesellen.

 

»O ihr Sünder, unbußfertig,

Wandelnd auf des Irrfals Wegen,

Seid des Götterzorns gewärtig,

Der euch allwärts droht entgegen.

 

Meidet die Gewohnheitsünden

Kirschen, Hanfkorn, Weizenähren,

Laßt euch nicht von Lust entzünden

Zu Wachholders schnöden Beeren!

 

Denn Leimruthen, Netze, Kloben

Drohn euch dort als Fegefeuer,

Drin in Qual ihr werdet toben,

Und aus dem Befreiung theuer.

 

Wehe! Den verstockten Bösen

Gähnt die Hölle Vogelbauer,

Daraus nimmer ein Erlösen,

Drin der Pips und ew’ge Trauer!

 

Nun geht heim und unbethöret

Weiter am Wachholderhage;

Denkt der Predigt, bis ihr höret

Deren Ende heut acht Tage.«

 

Doch am nächsten Festesmorgen

Unbesetzt ragt der Katheder;

Wo der Pred’ger sich verborgen,

Sucht mit Angst und Neugier Jeder.

 

Am Wachholder düstre Reste!

An den Kloben sein Gefieder!

Ein Stück Mantel, ein Stück Weste!

Ach, kein Auge sah ihn wieder.


Das Gedicht "Gimpel" stammt von   (1808 - 1876).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

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