Guter Mond, du gehst so stille

Ueber Deutschlands Fluren hin

Vetter Michel rückt die Spille,

Greift sein Weibchen unter′s Kinn;

Nimmt das Amtsblatt, streckt die Glieder

Und spricht gähnend: ′s ist schon Zehn

Morgen kochst du Klöße wieder;

Laß′ uns jetzt zu Bette gehn.

 

Guter Mond, du gehst so stille

Ueber Deutschlands Fluren hin!

Doctor Bos legt ab die Brille,

Denkt des Tages Hochgewinn;

Einer Ode von Horazen

Gab er neuen Commentar;

Froh bringt er, nach den Strapatzen,

Morpheus nun sein Opfer dar.

 

Guter Mond, du gehst so stille

Ueber Deutschlands Fluren hin!

Vor der alten Hauspostille

Sitzt die fromme Kupplerin;

Von Theater-Liebsgeschichtchen

Kehret heim der Intendant;

Drüben ist das Dreierlichtchen

Beim Studenten abgebrannt.

 

Guter Mond, du gehst so stille

Ueber Deutschlands Fluren hin!

Des Ministers letzter Wille

Zeugt von höchst loyalem Sinn:

Hundert Schriften sind verboten,

Sagt das neue Abendblatt;

Auch find′t künftighin bei Todten

Nur censirtes Reden Statt.

 

Guter Mond, du gehst so stille

Ueber Deutschlands Fluren hin!

Seine Durchlaucht liest Pasquille

Auf Höchst Ihre Buhlerin;

Dafür macht er null und nichtig,

Was die Stände woll′n und thun;

Denkt noch der Parade flüchtig,

Und geruhet dann zu ruhn.

 

Guter Mond, du gehst sehr stille

Ueber′s stille Deutschland hin!

Zirpen hört man schon die Grille;

Stumm ist jeder Lebenssinn.

Selbst die Orgeltöne rasten,

Weil ihr Herr nicht drehen will,

Und der deutsche Leierkasten

Steht auf ein′ge Stunden still.


Das Gedicht "Variationen zum Leierkasten" stammt von   (1810 - 1876).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

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Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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