Der Censor schlief, es war Mitternacht;

Da regt sich′s in seinen Schranken;

Da standen die bleichen Geister auf,

Die ermordeten Gedanken.

Sie seufzten tief, sie seufzten schwer;

Sie wankten und schwankten hin und her,

Und: wehe! wehe! wehe!

Erscholl′s in des Mörder′s Nähe,

 

»Ich hatte das arme Volk zu lieb!«

Erhub der Eine die Stimme.

»Ich forderte das versprochene Glück

Mit schlecht verbißenem Grimme.«

Der Dritte sprach: »Ich war munteres Blut,

Ich verwechselte ein Mal Scepter und Knut′!«

Der Vierte: »Ich war ein Tadel

Gegen den lästigen Adel.«

 

»Ich forderte keck das freie Wort!«

»Und ich die Gleichheit der Rechte.«

»Ich sagte: die Fürsten gehörten dem Volk.«

»Und ich: wir wären keine Knechte!«

»Ich höhnte die traurige Petition.«

»Ich aber rief: habt ihr vergessen schon?

Unterdrückt, verbietet nur fleißig:

Ein Tausend Acht hundert und dreißig!«

 

So sprachen sie alle in finsterm Groll,

Und schwuren Rache zum Himmel;

Drauf wirrt′s und schwirrt′s um des Schläfers Kopf,

Das böse Geister-Gewimmel.

Sie krochen durch Nase, durch Ohr und Mund;

Sie rißen am Haar ihn, sie stopften den Schlund,

Sie tobten auf seiner Stirne,

Sie schrieen in seinem Gehirne.

 

Früh Morgens wurde dem Censor verliehn

Ein großer, langer Orden;

Er aber sah stier auf das bunte Band,

Denn er war wahnsinnig worden. -

An jenem Schrank′, in der Nacht darauf,

Hing er mit dem Ordensbande sich auf,

Und draußen hörte der Wächter

Ein fürchterliches Gelächter.


Das Gedicht "Geisterrache" stammt von   (1810 - 1876).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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