'S war einmal Bruder und Schwester:
Der Reichthum und die Noth;
Er schwelgte in tausend Genüßen,
Sie hatte kaum trocken Brot.
Die Schwester diente beim Bruder
Viel Hundert Jahre lang;
Ihn rührt es nicht, wenn sie weinte,
Noch wenn sie ihr Leiden besang.
Er fluchte und trat sie mit Füßen;
Er schlug ihr in's sanfte Gesicht;
Sie fiel auf die Erde und flehte:
Hilfst du, o Gott, mir nicht?
Wie wird das Lied wohl enden?
Das ist ein traurig Lied!
Ich will's nicht weiter hören,
Wenn Nichts für die Schwester geschieht!
Das ist das Ende vom Liede,
Vom Reichthum und der Noth:
An einem schönen Morgen
Schlug sie ihren Bruder todt.
Das Gedicht "Das Mährchen vom Reichthum und der Noth" stammt von Adolf Glaßbrenner (1810 - 1876).
Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.
Zur Startseite:
Gedichte